 beherrschten.
Madame du Deffant, die geistreiche L'Espinasse, Madame de Tencin, und so viele
andere, die damals durch Geist, Witz, Talent und Liebenswürdigkeit ein eigenes
geistiges Reich mitten im frivolsten Treiben eines immer tiefer sinkenden Volkes
errichteten, wer kennt nicht jetzt noch ihre Namen? Mein Vater hatte an den
Strahlen ihres Geistes gerade in der Zeit sich gesonnt, in der die von
jugendlichem Entusiasm erfüllte Brust so leicht und gern jedem schmeichelnden
Eindruck sich hingibt; er hatte sich in den tiefsten Tiefen seines Gemüts so
manche herrliche Erinnerung an sie aufbewahrt, welche die väterliche Liebe ihn
jetzt mit dem Wesen seiner Tochter verwechseln lies, und so verführte er sich
selbst zu dem Plan', alles daran zu setzen, um mich zu einer, jenen berühmten
Damen ähnlichen Erscheinung umzubilden, wenn ich gleich bestimmt schien, in
einem weit beschränkteren Kreise zu glänzen. Wenigstens wollte er mir durch
Lektüre und mündlichen Unterricht eine über jedes Vorurteil erhabene Richtung
geben, und machte dies von nun an zum Hauptgeschäfte seines Lebens. Meine
natürlichen Anlagen, vereint mit einer Eitelkeit, welche durch die meines Vaters
neu belebt ward und die man in meiner Lage verzeihlich finden wird, unterstüzten
ihn bei diesem Unternehmen so kräftig, dass ich in der Tat nach wenigen Jahren
als eine sehr blendende Erscheinung da stand, und durch alle glänzende
Eigenschaften eines für die große Welt gebildeten Geistes, durch Witz und
schnelle Urteilskraft nicht minderes Aufsehen erregte, als durch meine, zu
immer höherer Schönheit erblühende äußere Gestalt.
    Mädchen und Frauen, mit denen ich bis dahin noch Umgang gehabt hatte,
suchten zwar jetzt meine Nähe weniger, mieden sie vielleicht gar, weil sie
anfiengen sie drückend zu empfinden; doch ich achtete dies wenig, denn auch mir
war das Beisammensein im gewohnten Kreise nach und nach langweilig geworden.
Nach dem Tode meiner Mutter hatte ohnedem unsre Lebensweise sich, ganz
unmerklich, völlig anders gestaltet. Unser Umgang mit so vielen der ersten und
angesehensten Familien der Stadt, den ich Euch so eben beschrieben habe, hatte
ganz allmählig von selbst aufgehört, ungefähr wie die Schwingungen des
Perpendikels einer ins Stocken geratenen Uhr, die doch nie so ganz mit
einemmal' abbrechen.
    Wenn viel Zuhausebleiben häuslich leben heißt, so lebten wir in der Tat
weit häuslicher als da meine Mutter noch mit uns war, denn wir gingen fast nie
aus, dafür aber versammelten wir täglich einen, zwar nicht sehr ausgedehnten,
aber erwählten Kreis geistreicher Männer in unserm Hause. Eine nicht ganz
unbedeutende Erbschaft, die meinem Vater unerwartet zugefallen war, machte es
uns möglich, dies mit zierlicher Eleganz tun zu können, gleich weit entfernt
von Überfluss und ängstlicher Sparsamkeit. Künstler, Gelehrte, interessante
Männer aus jedem Fach, deren diese Stadt noch in diesem
