 oft von Gefühlsergiessungen der
Erzählerin, zuweilen von Gegenbemerkungen der Tante unterbrochen, mitteilen
konnte, findet der Leser im folgenden Abschnitt in zusammenhängender Form.
Raimund Holm war der Sohn eines Mannes dem wohl anzusehen war, dass während eines
nicht sehr langen Lebens die Welt ihm oft und vielfach wehe getan haben mochte.
Mehr noch als sein früh ergrautes Haar und seine augenscheinlich, durch langen
und herben Gram verdüsterten Züge, bezeigte dies die tiefe Abgeschiedenheit,
welche er mit einer Art Ängstlichkeit aufsuchte, und die Scheu, mit der er
alles floh, was nur von ferne dahin abzwecken konnte, ihn aus seiner
Verborgenheit ans Licht zu ziehen.
    Der Vielerfahrne kannte das Leben zu gut, um nicht zu wissen, dass man in
einer großen volkreichen Stadt weit unbemerkter und einsamer nach eigenem Plane
sein Dasein hinbringen kann, als in einem kleinen Orte, oder selbst auf dem
Lande. Denn in Städtchen und Dörfern zieht jeder neue Ankömmling die
Aufmerksamkeit der Nachbarn auf sich, und jeder gilt für einen bemerkenswerten
Sonderling, der nicht genau so leben mag, wie alle Übrige um ihn her. Raimunds
Vater wählte deshalb lieber eine große berühmte Handelsstadt zu seinem
Wohnorte, wo er einige zwanzig Jahre hindurch bis an seinen Tod, ein von aller
Gesellschaft, fast von aller Bekanntschaft abgesondertes Leben führte, gleich
weit entfernt von Dürftigkeit und Überfluss. Seine feinern Sitten und
Lebensgewohnheiten, eine gewisse Eleganz in seinem Äußern, - die niemand, auch
in der tiefsten Einsamkeit ablegen kann, der sie von Jugend auf sich aneignete,
- verrieten indessen, dass er die Welt kannte die er floh, und dass er sogar in
ihrem Umgange seine erste Bildung erhalten haben musste.
    Durch frühe Gewöhnung teilte er auch seinem Sohn diese Eigenschaften mit,
und gab ihm dadurch gewissermaßen einen Freibrief für den künftigen Eintritt in
die Gesellschaft, den viele entbehren, die in der Einsamkeit aufwuchsen, und
dessen Mangel dennoch, selbst bei sonst ausgezeichneten und hochbegabten
Menschen, die in dieser Hinsicht meistens unerbittliche Welt selten zu übersehen
pflegt.
    Des Knaben Erziehung, den er als ganz unmündiges Kind mit sich gebracht
hatte, war das einzige Geschäft des Vaters; Kunst und Literatur die Freude und
der Schmuck seines Lebens. Raimund wuchs heran, unter fröhlichen mutigen
Spielgesellen der fröhlichste und mutigste von allen, denn sein Vater, der kein
Glück der Jugend ihn entbehren lassen mochte, versäumte es nicht, neben dem
häuslichen Unterrichte, den er ihm selbst erteilte, ihn auch die öffentliche
Schule besuchen zu lassen. Überhaupt war er weit entfernt von dem Gedanken,
seinen Sohn nur für ein kontemplatives Leben, in steter Entfernung von der Welt,
erziehen zu wollen, obgleich er ein solches am früh einbrechenden Abend seines
Lebens für sich selbst erwählt hatte. Er wünschte vielmehr ein nützliches
