 der Gedanke ist
mir unbeschreiblich tröstlich, selbst wenn ich nicht mehr bin, der Geliebten das
höchste Gut, die Freiheit ihres Gemüts, auf diese Weise sichern zu können.
Meine letzte Bitte, bis wir uns wiedersehen, ist für jetzt, dass Sie, hochwürdige
Frau, dieses Kästchen eröffnen und mein Tagebuch denen darin schon befindlichen
Papieren beilegen.«
    »Sollte ich nicht wieder kehren, so wird Herr Kleeborn hoffentlich nichts
dagegen haben, dass dieses letzte Denkmahl des trüben Daseins eines Menschen, der
dann seinen Plänen nicht weiter hinderlich sein kann, in Vicktorinens Händen
komme. Ich war bei ihr, als ich es niederschrieb, und vielleicht wird es mir
vergönnt, sie tröstend zu umschweben, wenn sie einsam, oder an Ihrer Seite mit
trübem Blicke diese Ergiessungen des treuliebenden Herzens überschaut, das nur
ihr zu eigen war, so lange der warme Strom des Lebens Regung ihm lieh.«
    »Auch das Kästchen, in welchem ich meine ganze Habe niederlegte, gehört
Vicktorinen, wenn ich nicht mehr bin, und ich bitte die Geliebte, es
hochzuhalten, um meines Vaters willen, denn es war ihm wert. So lange der
teure Greis noch unter uns wandelte, durfte keine fremde Hand es berühren und
sein brechendes Auge erstarrte in dessen Anblick. Noch denke ich mit tiefem
Schmerze daran, wie ich es ihm zum letztenmal hinreichen musste; ich sah
deutlich, wie er mit sichtbar peinlicher Anstrengung sich bemühte, mir etwas
darüber zu sagen, doch der Schlagfluß, dessen Wiederholung ihm tödlich ward,
hatte gleich im ersten Anfange seines plötzlichen Erkrankens ihn der Sprache und
zugleich der Kraft zum Schreiben beraubt.
    Nach seinem Ableben fand ich bei der sorgfältigsten Untersuchung nichts
weiter in der Schatulle, als die, unser Vermögen betreffenden Dokumente, welche
bis diesen Augenblick noch darin aufbewahrt liegen. Und so muss ich denn glauben,
dass nur das Kästchen selbst für ihn als Andenken einer früheren Zeit hohen Wert
hatte, denn der Gedanke an Gold und irrdische Habe konnte unmöglich diesen
reinen edlen Geist noch in der letzten Scheidestunde bis zu diesem Grade
beunruhigen. So lange ich denken kann, sah ich den geliebten Vater sehr oft im
schmerzlichen Kampfe mit wahrscheinlich recht trüben Erinnerungen aus seinem
früheren Leben, und dieses bestärkt mich in meinen Mutmaßungen von dem
Kästchen. Indessen mochte ich es nie wagen, die seltenen Augenblicke, in denen er
eines kurzen Vergessens sich erfreute, durch unzeitiges Forschen zu
unterbrechen, und so ist mir alles fremd geblieben, was auf seine
Jugendgeschichte Bezug haben mochte. Mein eigenes Dasein ist mir sogar
gewissermaßen ein Rätsel, dessen Auflösung mir indessen wenig Sorge macht. Seit
mein Vater nicht mehr ist, kenne ich niemand, der durch Bande des Bluts mir
verwandt wäre, und sogar das Land, aus
