 Leben zu gewähren?« sprach Tante Anna.
    »Ach liebe, liebe Tante,« erwiderte Vicktorine, »meine Kraft ist erschöpft,
und mir wäre wahrlich am besten, wenn ich zur Ruhe ging, wo aller Kampf ein Ende
hat. So lange mein Vater mich hart und streng seinem Willen beugen wollte, so
lange hatte ich den Mut, ihm zu widerstehen und der Stimme meines Herzens zu
folgen, die hier laut über Recht und Unrecht entscheidet. Und warlich, seit ich
den herzlosen, kindisch eitlen, eingebildeten Toren sah, dem ich bestimmt bin,
seitdem fühle ich noch tiefer als zuvor, dass ich sogar um meines Vaters willen
hier nicht nachgeben darf; ich dürfte es nicht, selbst wenn ich Raimund nie
zuvor erblickt hätte, denn mein Vater müsste ja seine grauen Haare in Kummer und
Reue dereinst zu Grabe tragen, wenn er späterhin das unausbleibliche Elend mit
ansäh', das er jetzt, freilich in der besten Absicht, seinem Kinde an der Seite
dieses Mannes bereiten möchte. Tante, ich flehe Sie an, reizen Sie den Vater
wieder zum Zorne gegen mich auf, so entsetzlich mir dieser auch einst erschien,
er allein hat mich aufrecht erhalten, das fühle ich jetzt. Dem gütigen, dem
bittenden Vater kann ich nur mit verschlossener, auf ewig verstummter Lippe
widerstreben.«
    Anna fühlte unaussprechliches Mitleid für die arme Vicktorine, deren
gegenwärtige Stimmung ihr bei diesem Charakter sehr begreiflich war. Sie wandte
alles an, um die Klagende wieder zu beruhigen. »Glaube mir,« sprach sie, »Dein
Zustand ist nicht halb so hoffnungslos, als er es in Deiner jezzigen trüben
Stimmung Dir erscheint. Halte Dich nur aufrecht, und erschöpfe nicht Deine Kraft
in nutzloser Klage und ungestümer Heftigkeit. Der letzte Befehl Deines Vaters
stellt es Dir ja frei, die zu erwartende Erklärung des Dir bestimmten Bräutigams
durch kluges Benehmen so lange als möglich zu verzögern, denn Dein Vater selbst
wünscht nicht sie für jetzt zu beschleunigen. Du kannst es, ohne dabei im
mindesten den äußern Anstand gegen Sir Charles zu verletzen, wenn Du nur klug
und vorsichtig zu Werke gehst, und ich wette, dass der Eigendünkel des
wunderlichen Menschen Dir die Rolle, die Du zu spielen hast, noch obendrein sehr
erleichtern wird. Mich hat lange nichts so herzlich gefreut als seine
abgeschmackte Erscheinung, die so ganz das Widerspiel von dem ist, was Dein
Vater erwartete. Ich will Dein Hoffen von der Zukunft nicht zu hoch steigern,
ich will für jetzt Dich nur darauf aufmerksam machen, dass Du Zeit gewonnen hast,
und dass es nur von Dir abhängen wird, diese mit Verstand zu benutzen. Lass Dich
von ihrem Strome treiben, mein Kind, er führt Dich sicher zum Hafen
