 gerecht zu sein, ehe er es sich
beikommen lässt, Grosmut üben zu wollen, setzte Lotario sehr ernstaft hinzu.
Was wir Grosmut nennen, ist gewöhnlich nur verkleideter Übermut, gerecht sein
aber ist jedem unerlässliche Pflicht, und wem es ein rechter Ernst ist, diese
vollkommen und überall auszuüben, der wird wahrscheinlich lange vorher zu seinen
Vätern versammelt werden, ehe er bis zur Erlaubnis grosmütig sein zu dürfen
sich durchgearbeitet hat.
    Mit der Dankbarkeit kommt mir nur vollends gar nicht, rief Lotario fast
überlaut, als mehrere Stimmen dieses Wort nannten, indem sie gegen ihn sich
erhoben. Die Dankbarkeit ist eigentlich nichts weiter, als eine schlechte
Gewohnheit, fuhr er fort, eigentlich und unter gewissen Modifikazionen könnte
man sogar ein Laster sie nennen. Wer von andern sie fordert, ist, um ihn nicht
noch jemanden schlimmern zu vergleichen, wenigstens eine Art Sklavenhändler, der
mit einer miserablen Gefälligkeit oder mit ein wenig lumpigen Goldes, die Seele
dessen, dem er nach seiner Meinung wohltat, sich auf ewig erkauft zu haben
meint; der aber, der sich einem andern auf immer zu eigen gibt, weil dieser ihm
einmal irgendwo aus der Flamme half, der ist aufs höflichste benannt, wenigstens
ein Schwachkopf, weil er nicht fühlt, dass jeder, der eine honette Tat
vollbringt, schon in der Freude daran seinen Lohn dahin nahm.
    Lotario's Worte machten einen unbeschreiblich traurigen Eindruck auf mich,
denn sie erinnerten mich lebhaft an eine Zeit, an welche ich jetzt nur mit sehr
bitterer Empfindung denken konnte, in der auch ich, um genial zu erscheinen,
ähnliche aus Wahrheit und Trug zusammengesezte Meinungen aufstellte und eifrig
verteidigte. Indessen erhob sich fast alle Welt gegen ihn, und er hatte alle
Hände voll zu tun, um jedem, der ihn angriff, gebührend Rede zu stehen. Ohne
eigentlich in beleidigende Heftigkeit auszuarten, ward das Disputiren immer
lauter und lebhafter, zuletzt blieb man bei dem Satz stehen, den alle bekämpften
und den Lotario gewandt genug zu behaupten suchte: dass es eben so sträflich und
unrecht sei, aus Parteilichkeit für andere das eigne Glück zum Opfer zu
bringen, als wenn man um des eignen Nutzens willen andre zu bevorteilen suche.
    Wohlan denn! rief Lotario endlich aus, da er in Gefahr stand, mit seiner
Stimme durch den immer mehr überhand nehmenden Lärmen nicht mehr durchdringen zu
können. Wohlan, ich fordre das Wort! Beinahe ein jeder hat ein Geschichtchen
erzählt, nur ich nicht. Ich bitte um die Erlaubnis, ein einziges Beispiel
aufstellen zu dürfen, welches meine Behauptung erläutern soll; denn es scheint
mir, als wolle man nicht recht verstehen, wie ich es meine. Das Fräulein hier
mag dann den Streit entscheiden, in schwierigen Fällen vertraue ich
