
        
                                 Terese Huber
                                  Ellen Percy
                        oder Erziehung durch Schicksale
                                     Vorwort
Mein Verleger fürchtet vielleicht, dass er in dieser Erzählung kein Product für
die Leihbiblioteken, kein Büchelchen für Toiletten und Teetische herausgibt.
Die Mittel, jene zum Ankauf zu ermutigen, kenne ich nicht; sind es Recensionen,
so brauche ich nur zu wünschen, dass Ellen Percy von den edelsten unsrer
Recensenten beurteilt werde - und so viel Selbstüberwindung es uns Recensirten
kosten mag, müssen wir doch gestehen, dass es deren gibt und geben kann - um auch
diesen, trotz seinem ernsten Titel, empfohlen zu werden. Was aber den Teil
meiner Landsmänninnen betrifft, die beim Putz- und Teetisch lesen, so versichre
ich Herrn Brockhaus zuversichtlich, für sie ist meine Ellen Percy gemacht. Ich
weiß, dass eine große Zahl, ja die Mehrzahl meines Geschlechts in der glänzenden
Welt (gaudy World nennt sie der ernste Young), sich nach ernsten Gedanken,
tröstenden Ansichten, erhabenen Hoffnungen sehnt; ich habe vielfach erfahren, wie
die anscheinend Leichtgesinnte, im einzelnen Gespräch festgehalten, erfreut,
erweckt ward, wenn ich zufällig einen geistigen Funken in ihr entzündet hatte,
wie mir manches Gesichtchen unter seinem Blumenkranz, manche ältere Frau im
Assembleeputz freundlicher zuwinkte, wenn ich Tags zuvor ein wahres, oft ernstes
Wort zu ihr gesagt hatte. Diesem Teil meiner Landsmänninnen habe ich Ellen
Percy vorzüglich bestimmt. Ich stelle ihnen ein gedankenlos eitles, unbesonnen
selbstsüchtiges, vom Glück verzognes Geschöpf dar, das, ohne alle
Widerstandskraft im Unglück, ohne alle Fertigkeit zum Erwerb, in Armut
verfällt, aber durch Unglück und Armut zur Entwicklung seiner moralischen und
körperlichen Anlagen geführt, zu innerem Frieden und gesellschaftlichem Wohlstand
gelangt. Ihr Leichtsinn verletzt nie die Schaam, der Schmerz um ihre Torheit
wird nie winselnde Reue, ihre Frömmigkeit bleibt von Kopfhängerei fern, ihre
Armut ist nie ein untätiges Versinken in widrige Hülflosigkeit. - Ellen ist
eine edle Natur, die durch harte Schicksale gebildet wird und Andre lehrt, wie
sie Schicksale benutzen sollen.
    Meinen Stoff nahm ich aus einem älteren englischen Roman in drei ansehnlichen
Bänden. Ich musste sie nicht nur verkürzen, sondern ich fasste ihren Inhalt in
mein Gemüt auf und erzählte ihn, meist ohne das Original vor Augen zu haben, in
der Empfindungsweise eines deutschen Gemüts. So hoffe ich manchem lieben
weiblichen Wesen Freude gemacht zu haben, und wünschte nur, dass es mir gelungen
sein möchte, meiner Erzählung auch die Vollendung im Styl und in der Sprache zu
geben, die zu einem guten Buche so notwendig ist.
                                                                  Terese Huber.
 
                                  Erster Teil
Selbstschilderung kann sich nie einer absoluten Wahrheit rühmen. Nicht die
Gegenstände, wie sie waren, sondern wie sie mir erschienen und auf mich wirkten,
stelle ich dar. Aber diese Wahrheit reicht auch hin,
