 geputzt einige
Minuten bewegungslos dastehen, kann jedes Gänschen vom Lande, wenn es nur hübsch
ist.«
    »Vor allen Dingen ist der hohe Grad von Eitelkeit und Leichtsinn wohl zu
erwägen, welcher dazu gehört, sich in fantastischer, oft unanständiger, ja sogar
heidnischer Kleidung zur allgemeinen Bewunderung hinzustellen,« sprach langsam
bedächtig ein Fräulein Silberhain. Diese junge Dame stand schon seit einiger
Zeit auf der zweiten Gränze ihres Lebensfrühlings. Früher war sie eine
Naturphilosophin, jetzt wandte sie sich zur Frömmigkeit, weil diese moderner
ist, aber sie hatte Schelling und Thomas a Kempis in ihrem Köpfchen noch nicht
recht zu einigen gewusst, und warf daher Redensarten aus beiden im Gespräch
verwirrt und wunderlich durcheinander. Übrigens hing ein fein gearbeites
Kruzifix an einer goldenen Kette von ihrem Halse herab, ein zweites krümmte sich
sehr widerwärtig zu einem Ringe an ihrer Hand, und ihre gemessenen Worte
drängten sich mühsam durch die kaum geöffneten, fast regungslosen Lippen.
    »Ich begreife nicht wie man um so nichtigen Zweck seine Identität zu opfern
vermag,« fuhr Fräulein Silberhain in ihrer Rede fort, »wie kann ein in seinen
tiefsten Tiefen vom Höchsten erfülltes Gemüt so ganz dieses vergessen und dem
prunkenden Schimmer irrdischer Vergänglichkeit huldigen! Die Stille des Gemüts,
das beseligende Gefühl dessen, was unser Eins und Alles sein soll, müssen ja in
der aus Tand und flüchtigen Glanz entstehenden Verblendung auf lange von uns
weichen, und der verirrte Sinn braucht vielleicht viele Monate, ehe er wieder
zur anschauenden Klarheit gelangt.«
    »Hätte ich nur einen recht schönen türkischen Shawl gehabt, ich wäre für
mein Leben gern dabei gewesen, wenn ich auch nur ein ganz unbedeutendes
Nebenpersönchen hätte vorstellen sollen; und was wetten wir? mein frommes,
gelehrtes Schwesterchen würde sich unter dieser Bedingung auch wohl dazu haben
bewegen lassen,« rief überlaut das sehr junge Fräulein Fanny Silberhain, indem
es sich lachend hinter Gabrielen vor den zürnenden Blicken der viel älteren
Schwester verbarg.
    »Allerdings,« sprach ein ansehnlicher, schwarz gekleideter Mann, »allerdings
wüsste ich wenigstens keine bessere Gelegenheit, um sowohl jene kostbaren Hüllen
als überhaupt alle Pracht der Gewänder und auch körperliche Vorzüge ins schönste
Licht zu stellen, als solche Tableaus. Bei Maskeraden verlieren die
ausgesuchtesten Masken sich im Gewühl, und obendrein verhüllen die hässlichen
Larven das Gesicht, hier aber wird uns der ungestörteste Genuss der Anschauung
des Schönen, verbunden mit der aestetischen Freude an dem Kunstwerk, welches,
gleichsam ins Leben gerufen, vor uns tritt.«
    »Echte Freude an der Kunst ist allemal religiös, hier aber, Herr Professor!
sehe ich nur die traurige Erscheinung ungebändigten Weltsinns und unverhüllter
Eitelkeit,« sprach, sanftmütig zürnend, das Fräulein mit dem Kruzifix.
    »Erlauben Sie indessen, meine Gnädige!«
