 dass sie, ihrer Lust am Medisiren unbeschadet,
für Unglückliche nicht nur einen Dukaten in der Hand, sondern sogar eine Träne
im Auge in Bereitschaft halten, wenn man ihnen den Jammer nur recht deutlich zu
machen versteht. So wie damals die Verderbnis der Welt, so denken Sie sich jetzt
das Unglück, sich nicht auf Ihre Weise des Lebens freuen zu können, wieder viel
zu groß. Und nehmen Sie denn die Mutterfreuden, welche eine Handwerkers-Frau
eben so gut empfindet als eine Gräfin, für gar nichts? für nichts das Gelingen
in ihrem Hauswesen? die treuherzige, ehrliche Liebe eines guten, wenn gleich
nicht geistig gebildeten Mannes? Selbst bei Ihrem Jean Paul können Sie des
Trostes genug finden; gegen die eine Stelle, welche Sie anführten, will ich
Ihnen zwanzig andere zeigen, wo er die Freuden dieser Frauen an schönen neuen
Hauben und Kleidern, an festlichen Gastereien, an einem wohleingerichteten
Hausstande eben so wahr schildert, als ihr mühseliges Alltagsleben. Rauben Sie
Ihrer Annette nur nicht die Fähigkeit, an dem Glück sich genügen zu lassen, das
ihrem Stande gebührt. Entbehrt sie die Freuden höherer Bildung, so entgeht sie
auch vielen aus ihr entspringenden Schmerzen, und es ist noch immer nicht
entschieden, wohin die Wage sich neigt.«
    »Soll ich sie denn so ganz ohne allen Unterricht lassen?« fragte Gabriele.
»Lehren Sie sie richtig deutsch schreiben und sprechen,« war Ernestos Antwort,
»aber um des Himmelswillen keine fremden Sprachen, die sie nur dazu bringen
könnten, sich über ihres gleichen zu erheben. Annette wird in Deutschland leben
und sterben, und sollte ein seltenes Geschick sie ins Ausland versetzen, so
lehrt Not nicht nur beten sondern auch englisch und französisch. Lassen Sie ihr
artiges Stimmchen mit den Waldvögeln um die Wette singen, aber wie diese, ohne
Noten und ohne Guitarre, Mann und Kinder werden sich an ihren Liedern doch
ergötzen. Von Alexander dem Großen und seines gleichen braucht sie vollends
keine Sylbe zu wissen, um eine tätige, freundliche Hausfrau zu werden, deshalb
kann sie aber doch Sonntags manches gute Buch beim Strickstrumpf lesen, das
ihren literarischen Horizont nicht übersteigt, und wenn es sein muss bei
Lafontaines rührenden Geschichten ihr bitter-süßes Tränchen weinen, obgleich
ich ihr gerade diese am wenigsten anpreisen möchte.«
    »Aber Annette hat doch so viel Anlagen,« wandte halb besiegt Gabriele ein.
    »Sie ist auch hübsch und wohlgewachsen,« erwiderte schnell Ernesto. »Wollen
Sie sie deshalb in die kostbarsten, feinsten Stoffe kleiden, die eine schöne
Gestalt am vorteilhaftesten bezeichnen? Liebe Gabriele!« fuhr er fort, »alle
Welt schreit jetzt über den alles entnervenden äußern Luxus, in unsrer der
höchsten Kraft bedürftigen Zeit,
