 viel zu früh, denn nie war ihre äussre Erscheinung
brillanter. Auch ist die Klippe, die sie scheut, eigentlich nur im gewöhnlichen
bürgerlichen Kreise des Frauenlebens recht gefährlich, wo es Tanten und Basen
gibt, die über alle Familienereignisse Buch und Rechnung halten und alle Data
nachzuweisen wissen. In der Welt, in welcher Aurelia lebt, gleitet man über
alles leichter hin; man ist toleranter; man gewinnt kaum Zeit, an sich selbst zu
denken, geschweige an Andre, und jeden, der sich nur geschickt zu benehmen weiß,
lässt man gern für das gelten, wofür er sich geben will. Geist, Witz,
Leichtigkeit und Vielseitigkeit im Umgange werden über alles geschätzt, darum
trifft auch die glänzendste Periode im Leben berühmter schöner Frauen der großen
Welt sehr selten mit ihrer ersten Jugendblüte zusammen, denn man muss gelebt
haben, wenn man sich aufs Leben genugsam verstehen will, um es wie ein Kunstwerk
behandeln zu können. Aurelia weiß dieses alles so gut und besser als ich, aber
sie denkt nicht daran, oder achtet es für einen traurigen Trost. Sie ist noch
immer von einer bewundernden Schar demütiger Verehrer umgeben, über die sie
nach Lust und Laune unumschränkt gebietet, aber sie fühlt dennoch ihren Thron
unter sich wanken und ich sehe deutlich, wie das trübe Vorgefühl einer dunkeln,
freudenarmen Zeit sie Tag und Nacht unablässig quält und nagt. Mit ängstlicher
Hast wirft sie sich nun auf alles, wovon sie noch in späteren Jahren Glanz und
Bewunderung sich versprechen zu können glaubt, auf Musik, Literatur,
Kunststudium; sogar Chemie und Astronomie hat sie eine Zeitlang getrieben, weil
diese Wissenschaften einmal zufälliger Weise Mode wurden. Ihr mangelt, wie Sie
wissen, weder Geist noch Talent zu allem was sie unternehmen möchte, aber sie
ist unfähig, irgend etwas sich selbst zum Trost fest zu halten. Ihre rastlose
Natur trieb sie von jeher immer von einem zum andern und erlaubt ihr jetzt sogar
kaum, länger als einige Monate an dem nämlichen Orte zu verweilen. Dass sie in
manchen Stunden die Unzulänglichkeit eines so zerstückelten Strebens tief
empfindet, vermehrt noch ihr Unglück auf jede Weise, denn dieses an sich
peinigende Gefühl reizt und erbittert sie innerlich mehr und mehr, und treibt
sie zu seltsamen, ihrem Zwecke ganz entgegenarbeitenden Launen.
    Manche ihrer Anbeter, welche ihre wirklich zuweilen unwürdigen Misshandlungen
nicht ertragen mögen, ziehen sich allmählig zurück und dadurch wird das Übel
immer ärger. Sie muss mit ungewohnter Anstrengung die so Verlornen durch neue
Eroberungen wieder zu ersetzen suchen, und sie treibt dies mit einem Eifer,
einer Ungeduld, die deutlich beweisen, wie anschaulich ihr jetzt mit einemmale
die Flüchtigkeit der Zeit geworden ist. Die arme Frau gerät dabei oft außer
Atem und Tackt, obgleich nicht jedermann dies gewahr
