 Lucinden, die ihm nahe
stand.
    Vermutend, man habe sie gesendet, ihn abzuholen, ihr aufgetragen, ihn mit
schicklichen, schwesterlichen Worten in die Gesellschaft, seinem widerlichen
Schicksal entgegen zu führen, rief er aus: »Sie hätte man nicht senden müssen,
Lucinde, denn Sie sind es, die mich von dort vertrieb; ich kehre nicht zurück!
Geben Sie mir, wenn Sie irgendeines Mitleids fähig sind, schaffen Sie mir
Gelegenheit und Mittel zur Flucht. Denn, damit Sie von mir zeugen können, wie
unmöglich es sei, mich zurückzubringen, so nehmen Sie den Schlüssel zu meinem
Betragen, das Ihnen und allen wahnsinnig vorkommen muss. Hören Sie den Schwur,
den ich mir im Innern getan und den ich unauflöslich laut wiederhole: Nur mit
Ihnen wollt' ich leben, meine Jugend nutzen, genießen, und so das Alter im
treuen, redlichen Ablauf. Dies aber sei so fest und sicher als irgend etwas, was
vor dem Altar je geschworen worden, was ich jetzt schwöre, indem ich Sie
verlasse, der bedauernswürdigste aller Menschen.«
    Er machte eine Bewegung zu entschlüpfen, ihr, die so gedrängt vor ihm stand;
aber sie fasste ihn sanft in ihren Arm. - »Was machen Sie!« rief er aus. -
»Lucidor!« rief sie, »nicht zu bedauern, wie Sie wohl wähnen, Sie sind mein, ich
die Ihre; ich halte Sie in meinen Armen, zaudern Sie nicht, die Ihrigen um mich
zu schlagen. Ihr Vater ist alles zufrieden; Antoni heiratet meine Schwester.«
Erstaunt zog er sich von ihr zurück. »Das wäre wahr?« Lucinde lächelte und
nickte, er entzog sich ihren Armen. »Lassen Sie mich noch einmal in der Ferne
sehen, was so nah, so nächst mir angehören soll.« Er fasste ihre Hände, Blick in
Blick! »Lucinde, sind Sie mein?« - Sie versetzte: »Nun ja doch«, die süßesten
Tränen in dem treusten Auge; er umschlang sie und warf sein Haupt hinter das
ihre, hing wie am Uferfelsen ein Schiffbrüchiger; der Boden bebte noch unter
ihm. Nun aber sein entzückter Blick, sich wieder öffnend, fiel in den Spiegel.
Da sah er sie in seinen Armen, sich von den ihren umschlungen; er blickte wieder
und wieder hin. Solche Gefühle begleiten den Menschen durchs ganze Leben.
Zugleich sah er auch auf der Spiegelfläche die Landschaft, die ihm gestern so
greulich und ahnungsvoll erschienen war, glänzender und herrlicher als je; und
sich in solcher Stellung, auf solchem Hintergrunde! Genugsame Vergeltung aller
Leiden.
    »Wir sind nicht allein«, sagte Lucinde, und kaum hatte er sich von seinem
