 ist,
so bleibt die eigentliche Religion ein Inneres, ja Individuelles, denn sie hat
ganz allein mit dem Gewissen zu tun, dieses soll erregt, soll beschwichtigt
werden. Erregt, wenn es stumpf, untätig, unwirksam dahinbrütet, beschwichtigt,
wenn es durch reuige Unruhe das Leben zu verbittern droht. Denn es ist ganz nah
mit der Sorge verwandt, die in den Kummer überzugehen droht, wenn wir uns oder
andern durch eigene Schuld ein Übel zugezogen haben.
    Da wir aber zu Betrachtungen, wie sie hier gefordert werden, nicht immer
aufgelegt sind, auch nicht immer aufgeregt sein mögen, so ist hiezu der Sonntag
bestimmt, wo alles, was den Menschen drückt, in religioser, sittlicher,
geselliger, ökonomischer Beziehung, zur Sprache kommen muss.
»Wenn Sie eine Zeitlang bei uns blieben«, sagte Juliette, »so würde auch unser
Sonntag Ihnen nicht missfallen. Übermorgen früh würden Sie eine große Stille
bemerken; jeder bleibt einsam und widmet sich einer vorgeschriebenen
Betrachtung. Der Mensch ist ein beschränktes Wesen; unsere Beschränkung zu
überdenken, ist der Sonntag gewidmet. Sind es körperliche Leiden, die wir im
Lebenstaumel der Woche vielleicht gering achteten, so müssen wir am Anfang der
neuen alsobald den Arzt aufsuchen; ist unsere Beschränkung ökonomisch und sonst
bürgerlich, so sind unsere Beamten verpflichtet, ihre Sitzungen zu halten; ist
es geistig, sittlich, was uns verdüstert, so haben wir uns an einen Freund, an
einen Wohldenkenden zu wenden, dessen Rat, dessen Einwirkung zu erbitten: genug,
es ist das Gesetz, dass niemand eine Angelegenheit, die ihn beunruhigt oder
quält, in die neue Woche hinübernehmen dürfe. Von drückenden Pflichten kann uns
nur die gewissenhafteste Ausübung befreien und was gar nicht aufzulösen ist,
überlassen wir zuletzt Gott als dem allbedingenden und allbefreienden Wesen.
Auch der Oheim selbst unterlässt nicht solche Prüfung, es sind sogar Fälle, wo er
mit uns vertraulich über eine Angelegenheit gesprochen hat, die er im Augenblick
nicht überwinden konnte; am meisten aber bespricht er sich mit unserer edlen
Tante, die er von Zeit zu Zeit besuchend angeht. Auch pflegt er Sonntag abends
zu fragen, ob alles rein gebeichtet und abgetan worden. Sie sehen hieraus, dass
wir alle Sorgfalt anwenden, um nicht in Ihren Orden, nicht in die Gemeinschaft
der Entsagenden aufgenommen zu werden.«
    »Es ist ein sauberes Leben!« rief Hersilie; »wenn ich mich alle acht Tage
resigniere, so hab' ich es freilich bei dreihundertundfünfundsechzigen zugute.«
    Vor dem Abschiede jedoch erhielt unser Freund von dem jüngeren Beamten ein
Paket mit beiliegendem Schreiben, aus welchem wir folgende Stelle ausheben:
    »Mir will scheinen, dass bei jeder Nation ein anderer Sinn vorwalte, dessen
Befriedigung sie allein glücklich
