 Gebildete Sternes Werke wieder zur Hand
nehmen, damit auch das neunzehnte Jahrhundert erführe, was wir ihm schuldig
sind, und einsähe, was wir ihm schuldig werden können.
In dem Erfolg der Literaturen wird das frühere Wirksame verdunkelt und das
daraus entsprungene Gewirkte nimmt überhand, deswegen man wohltut, von Zeit zu
Zeit wieder zurückzublicken. Was an uns Original ist, wird am besten erhalten
und belobt, wenn wir unsre Altvordern nicht aus den Augen verlieren.
Möge das Studium der griechischen und römischen Literatur immerfort die Basis
der höheren Bildung bleiben.
Chinesische, indische, ägyptische Altertümer sind immer nur Kuriositäten; es ist
sehr wohlgetan, sich und die Welt damit bekannt zu machen; zu sittlicher und
ästetischer Bildung aber werden sie uns wenig fruchten.
Der Deutsche läuft keine größere Gefahr, als sich mit und an seinen Nachbarn zu
steigern; es ist vielleicht keine Nation geeigneter, sich aus sich selbst zu
entwickeln, deswegen es ihr zum größten Vorteil gereichte, dass die Außenwelt von
ihr so spät Notiz nahm.
Sehen wir unsre Literatur über ein halbes Jahrhundert zurück, so finden wir, dass
nichts um der Fremden willen geschehen ist.
Dass Friedrich der Große aber gar nichts von ihnen wissen wollte, das verdross die
Deutschen doch, und sie taten das möglichste, als Etwas vor ihm zu erscheinen.
Jetzt, da sich eine Weltliteratur einleitet, hat, genau besehen, der Deutsche am
meisten zu verlieren; er wird wohltun, dieser Warnung nachzudenken.
Auch einsichtige Menschen bemerken nicht, dass sie dasjenige erklären wollen, was
Grunderfahrungen sind, bei denen man sich beruhigen müsste.
Doch mag dies auch vorteilhaft sein, sonst unterliesse man das Forschen allzu
früh.
Wer sich von nun an nicht auf eine Kunst oder Handwerk legt, der wird übel dran
sein. Das Wissen fördert nicht mehr bei dem schnellen Umtriebe der Welt; bis man
von allem Notiz genommen hat, verliert man sich selbst.
Eine allgemeine Ausbildung dringt uns jetzt die Welt ohnehin auf; wir brauchen
uns deshalb darum nicht weiter zu bemühen, das Besondere müssen wir uns
zueignen.
Die größten Schwierigkeiten liegen da, wo wir sie nicht suchen.
Lorenz Sterne war geboren 1713, starb 1768. Um ihn zu begreifen, darf man die
sittliche und kirchliche Bildung seiner Zeit nicht unbeachtet lassen; dabei hat
man wohl zu bedenken, dass er Lebensgenosse Warburtons gewesen.
Eine freie Seele wie die seine kommt in Gefahr, frech zu werden, wenn nicht ein
edles Wohlwollen das sittliche Gleichgewicht herstellt.
Bei leichter Berührbarkeit entwickelte sich alles von innen bei ihm heraus;
durch beständigen Konflikt unterschied er das Wahre vom Falschen, hielt am
ersten fest und verhielt sich gegen das andere rücksichtlos.
Er fühlte einen entschiedenen Hass gegen Ernst, weil er didaktisch und dogmatisch
