 Alltagsleben dünken darf.
Der für dichterische und bildnerische Schöpfungen empfängliche Geist fühlt sich
dem Altertum gegenüber in den anmutigst-ideellen Naturzustand versetzt; und noch
auf den heutigen Tag haben die homerischen Gesänge die Kraft, uns wenigstens für
Augenblicke von der furchtbaren Last zu befreien, welche die Überlieferung von
mehreren tausend Jahren auf uns gewälzt hat.
Wie Sokrates den sittlichen Menschen zu sich berief, damit dieser ganz einfach
einigermaßen über sich selbst aufgeklärt würde, so traten Plato und Aristoteles
gleichfalls als befugte Individuen vor die Natur; der eine mit Geist und Gemüt,
sich ihr anzueignen, der andere mit Forscherblick und Methode, sie für sich zu
gewinnen. Und so ist denn auch jede Annäherung, die sich uns im ganzen und
einzelnen an diese dreie möglich macht, das Ereignis, was wir am freudigsten
empfinden und was unsere Bildung zu befördern sich jederzeit kräftig erweist.
Um sich aus der grenzenlosen Vielfachheit, Zerstückelung und Verwickelung der
modernen Naturlehre wieder ins Einfache zu retten, muss man sich immer die Frage
vorlegen: Wie würde sich Plato gegen die Natur, wie sie uns jetzt in ihrer
größeren Mannigfaltigkeit, bei aller gründlichen Einheit, erscheinen mag,
benommen haben?
Denn wir glauben überzeugt zu sein, dass wir auf demselben Wege bis zu den
letzten Verzweigungen der Erkenntnis organisch gelangen und von diesem Grund aus
die Gipfel eines jeden Wissens uns nach und nach aufbauen und befestigen können.
Wie uns hiebei die Tätigkeit des Zeitalters fördert und hindert, ist freilich
eine Untersuchung, die wir jeden Tag anstellen müssen, wenn wir nicht das
Nützliche abweisen und das Schädliche aufnehmen wollen.
Man rühmt das achtzehnte Jahrhundert, dass es sich hauptsächlich mit Analyse
abgegeben; dem neunzehnten bleibt nun die Aufgabe: die falschen obwaltenden
Syntesen zu entdecken und deren Inhalt aufs neue zu analysieren.
Es gibt nur zwei wahre Religionen, die eine, die das Heilige, das in und um uns
wohnt, ganz formlos, die andere, die es in der schönsten Form anerkennt und
anbetet. Alles, was dazwischen liegt, ist Götzendienst.
Es ist nicht zu leugnen, dass der Geist sich durch die Reformation zu befreien
suchte; die Aufklärung über griechisches und römisches Altertum brachte den
Wunsch, die Sehnsucht nach einem freieren, anständigeren und geschmackvolleren
Leben hervor. Sie wurde aber nicht wenig dadurch begünstigt, dass das Herz in
einen gewissen einfachen Naturstand zurückzukehren und die Einbildungskraft sich
zu konzentrieren trachtete.
Aus dem Himmel wurden auf einmal alle Heiligen vertrieben und von einer
göttlichen Mutter mit einem zarten Kinde Sinne, Gedanken, Gemüt auf den
Erwachsenen, sittlich Wirkenden, ungerecht Leidenden gerichtet, welcher später
als Halbgott verklärt, als wirklicher Gott anerkannt und verehrt wurde.
Er stand vor einem Hintergrunde, wo der Schöpfer das Weltall ausgebreitet hatte;
von ihm ging eine
