 selbst die
Geschichte nicht leicht historisch wird: denn der jedesmalige Schreiber schreibt
immer nur so, als wenn er damals selbst dabei gewesen wäre; nicht aber was
vormals war und damals bewegte. Der Chronikenschreiber selbst deutet nur mehr
oder weniger auf die Beschränktheit, auf die Eigenheiten seiner Stadt, seines
Klosters wie seines Zeitalters.
Verschiedene Sprüche der Alten, die man sich öfters zu wiederholen pflegt,
hatten eine ganz andere Bedeutung, als man ihnen in späteren Zeiten geben
möchte.
Das Wort: es solle kein mit der Geometrie Unbekannter, der Geometrie Fremder in
die Schule des Philosophen treten, heißt nicht etwa, man solle ein Matematiker
sein, um ein Weltweiser zu werden.
Geometrie ist hier in ihren ersten Elementen gedacht, wie sie uns im Euklid
vorliegt und wie wir sie einen jeden Anfänger beginnen lassen. Alsdann aber ist
sie die vollkommenste Vorbereitung, ja Einleitung in die Philosophie.
Wenn der Knabe zu begreifen anfängt, dass einem sichtbaren Punkte ein
unsichtbarer vorhergehen müsse, dass der nächste Weg zwischen zwei Punkten schon
als Linie gedacht werde, ehe sie mit dem Bleistift aufs Papier gezogen wird, so
fühlt er einen gewissen Stolz, ein Behagen. Und nicht mit Unrecht; denn ihm ist
die Quelle alles Denkens aufgeschlossen, Idee und Verwirklichtes, potentia et
actu, ist ihm klar geworden; der Philosoph entdeckt ihm nichts Neues, dem
Geometer war von seiner Seite der Grund alles Denkens aufgegangen.
Nehmen wir sodann das bedeutende Wort vor: Erkenne dich selbst, so müssen wir es
nicht im aszetischen Sinne auslegen. Es ist keineswegs die Heautognosie unserer
modernen Hypochondristen, Humoristen und Heautontimorumenen damit gemeint;
sondern es heißt ganz einfach: Gib einigermaßen acht auf dich selbst, nimm Notiz
von dir selbst, damit du gewahr werdest, wie du zu deinesgleichen und der Welt
zu stehen kommst. Hiezu bedarf es keiner psychologischen Quälereien; jeder
tüchtige Mensch weiß und erfährt, was es heißen soll; es ist ein guter Rat, der
einem jeden praktisch zum größten Vorteil gedeiht.
Man denke sich das Große der Alten, vorzüglich der sokratischen Schule, dass sie
Quelle und Richtschnur alles Lebens und Tuns vor Augen stellt, nicht zu leerer
Spekulation, sondern zu Leben und Tat auffordert.
Wenn nun unser Schulunterricht immer auf das Altertum hinweist, das Studium der
griechischen und lateinischen Sprache fördert, so können wir uns Glück wünschen,
dass diese zu einer höheren Kultur so nötigen Studien niemals rückgängig werden.
Wenn wir uns dem Altertum gegenüberstellen und es ernstlich in der Absicht
anschauen, uns daran zu bilden, so gewinnen wir die Empfindung, als ob wir erst
eigentlich zu Menschen würden.
Der Schulmann, indem er Lateinisch zu schreiben und zu sprechen versucht, kommt
sich höher und vornehmer vor, als er sich in seinem
