:
    »Wie glücklich, glücklich! bald sehen wir uns wieder!«
    Ich stand, vor mich hinschauend und denkend, Mariechen kam zurück und
reichte mir ein Blatt, mit dem Vermelden, es sei dasselbige, wovon gesprochen.
Ich erkannte sogleich Wilhelms Handschrift, so wie vorhin seine Person aus der
Beschreibung mir entgegengetreten war; mancherlei fremde Gesichter schwärmten um
mich her, es war eine eigene Bewegung im Vorhause. Und dann ist es ein
widerwärtiges Gefühl, aus dem Enthusiasmus einer reinen Wiedererkennung, aus der
Überzeugung dankbaren Erinnerns, der Anerkennung einer wunderbaren Lebensfolge
und was alles Warmes und Schönes dabei in uns entwickelt werden mag, auf einmal
zu der schroffen Wirklichkeit einer zerstreuten Alltäglichkeit zurückgeführt zu
werden.
    Diesmal war der Freitagabend überhaupt nicht so heiter und lustig, wie er
sonst wohl sein mochte; der Faktor war nicht mit dem Marktschiff aus der Stadt
zurückgekehrt, er meldete nur in einem Briefe, dass ihn Geschäfte erst morgen
oder übermorgen zurückgehen ließ; er werde mit anderer Gelegenheit kommen,
auch alles Bestellte und Versprochene mitbringen. Die Nachbarn, welche, jung und
alt, in Erwartung wie gewöhnlich zusammengekommen waren, machten verdrießliche
Gesichter, Lieschen besonders, die ihm entgegengegangen war, schien sehr übler
Laune.
    Ich hatte mich in mein Zimmer geflüchtet, das Blatt in der Hand haltend,
ohne hineinzusehen, denn es hatte mir schon heimlichen Verdruss gemacht, aus
jener Erzählung zu vernehmen, dass Wilhelm die Verbindung beschleunigt habe.
»Alle Freunde sind so, alle sind Diplomaten; statt unser Vertrauen redlich zu
erwidern, folgen sie ihren Ansichten, durchkreuzen unsre Wünsche und missleiten
unser Schicksal!« So rief ich aus, doch kam ich bald von meiner Ungerechtigkeit
zurück, gab dem Freunde recht, besonders die jetzige Stellung bedenkend, und
enthielt mich nicht weiter, das folgende zu lesen.
»Jeder Mensch findet sich von den frühsten Momenten seines Lebens an, erst
unbewusst, dann halb, endlich ganz bewusst, immerfort bedingt, begrenzt in seiner
Stellung, weil aber niemand Zweck und Ziel seines Daseins kennt, vielmehr das
Geheimnis desselben von höchster Hand verborgen wird, so tastet er nur, greift
zu, lässt fahren, steht stille, bewegt sich, zaudert und übereilt sich, und auf
wie mancherlei Weise denn alle Irrtümer entstehen, die uns verwirren.«
»Sogar der Besonnenste ist im täglichen Weltleben genötigt, klug für den
Augenblick zu sein, und gelangt deswegen im allgemeinen zu keiner Klarheit.
Selten weiß er sicher, wohin er sich in der Folge zu wenden und was er
eigentlich zu tun und zu lassen habe.«
»Glücklicherweise sind alle diese und noch hundert andere wundersame Fragen
durch euren unaufhaltsam tätigen Lebensgang beantwortet. Fahrt fort in
unmittelbarer Beachtung der Pflicht des Tages und prüft dabei die
