 Seltenen jedoch alsobald das Bedeutende zu
erblicken, dazu gehört schon mehr. Für euch muss erst alles in Tat übergehen, es
muss geschehen, als möglich, als wirklich vor Augen treten, und dann lasst ihr es
auch gut sein wie etwas anderes. Was du vorbringst, hör' ich schon zum voraus
von Unterrichteten und Laien wiederholen; von jenen aus Vorurteil und
Bequemlichkeit, von diesen aus Gleichgültigkeit. Ein Vorhaben wie das
ausgesprochene kann vielleicht nur in einer neuen Welt durchgeführt werden, wo
der Geist Mut fassen muss, zu einem unerlässlichen Bedürfnis neue Mittel
auszuforschen, weil es an den herkömmlichen durchaus ermangelt. Da regt sich die
Erfindung, da gesellt sich die Kühnheit, die Beharrlichkeit der Notwendigkeit
hinzu.
    Jeder Arzt, er mag mit Heilmitteln oder mit der Hand zu Werke gehen, ist
nichts ohne die genauste Kenntnis der äußern und innern Glieder des Menschen,
und es reicht keineswegs hin, auf Schulen flüchtige Kenntnis hievon genommen,
sich von Gestalt, Lage, Zusammenhang der mannigfaltigsten Teile des
unerforschlichen Organismus einen oberflächlichen Begriff gemacht zu haben.
Täglich soll der Arzt, dem es Ernst ist, in der Wiederholung dieses Wissens,
dieses Anschauens sich zu üben, sich den Zusammenhang dieses lebendigen Wunders
immer vor Geist und Auge zu erneuern alle Gelegenheit suchen. Kennte er seinen
Vorteil, er würde, da ihm die Zeit zu solchen Arbeiten ermangelt, einen Anatomen
in Sold nehmen, der, nach seiner Anleitung, für ihn im stillen beschäftigt,
gleichsam in Gegenwart aller Verwicklungen des verflochtensten Lebens, auf die
schwierigsten Fragen sogleich zu antworten verstände.
    Je mehr man dies einsehen wird, je lebhafter, heftiger, leidenschaftlicher
wird das Studium der Zergliederung getrieben werden. Aber in eben dem Masse
werden sich die Mittel vermindern; die Gegenstände, die Körper, auf die solche
Studien zu gründen sind, sie werden fehlen, seltener, teurer werden, und ein
wahrhafter Konflikt zwischen Lebendigen und Toten wird entstehen.
    In der alten Welt ist alles Schlendrian, wo man das Neue immer auf die alte,
das Wachsende nach starrer Weise behandeln will. Dieser Konflikt, den ich
ankündige zwischen Toten und Lebendigen, er wird auf Leben und Tod gehen, man
wird erschrecken, man wird untersuchen, Gesetze geben und nichts ausrichten.
Vorsicht und Verbot helfen in solchen Fällen nichts; man muss von vorn anfangen.
Und das ist's, was mein Meister und ich in den neuen Zuständen zu leisten
hoffen, und zwar nichts Neues, es ist schon da; aber das, was jetzo Kunst ist,
muss Handwerk werden, was im Besondern geschieht, muss im Allgemeinen möglich
werden, und nichts kann sich verbreiten, als was anerkannt ist. Unser Tun und
Leisten muss anerkannt werden als das einzige Mittel in einer
