 geneigt, von höher ausgebildeten Künstlern der Vor- und Mitzeit
das zu lernen, was ihm fehlt um eigentlicher Künstler zu sein, so wird er im
falschen Begriff von bewahrter Originalität hinter sich selbst zurückbleiben;
denn nicht allein das, was mit uns geboren ist, sondern auch das, was wir
erwerben können, gehört uns an, und wir sind es.
Allgemeine Begriffe und großer Dünkel sind immer auf dem Wege, entsetzliches
Unglück anzurichten.
»Blasen ist nicht flöten, ihr müsst die Finger bewegen.«
Die Botaniker haben eine Pflanzenabteilung, die sie Incompletae nennen; man kann
eben auch sagen, dass es inkomplette, unvollständige Menschen gibt. Es sind
diejenigen, deren Sehnsucht und Streben mit ihrem Tun und Leisten nicht
proportioniert ist.
Der geringste Mensch kann komplett sein, wenn er sich innerhalb der Grenzen
seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten bewegt; aber selbst schöne Vorzüge werden
verdunkelt, aufgehoben und vernichtet, wenn jenes unerlässlich geforderte Ebenmass
abgeht. Dieses Unheil wird sich in der neueren Zeit noch öfter hervortun; denn
wer wird wohl den Forderungen einer durchaus gesteigerten Gegenwart, und zwar in
schnellster Bewegung genugtun können?
Nur klugtätige Menschen, die ihre Kräfte kennen und sie mit Maß und
Gescheidigkeit benutzen, werden es im Weltwesen weit bringen.
Ein großer Fehler: dass man sich mehr dünkt, als man ist, und sich weniger
schätzt, als man wert ist.
Es begegnet mir von Zeit zu Zeit ein Jüngling, an dem ich nichts verändert noch
gebessert wünschte; nur macht mir bange, dass ich manchen vollkommen geeignet
sehe, im Zeitstrom mit fortzuschwimmen, und hier ist's, wo ich immerfort
aufmerksam machen möchte: dass dem Menschen in seinem zerbrechlichen Kahn eben
deshalb das Ruder in die Hand gegeben ist, damit er nicht der Willkür der
Wellen, sondern dem Willen seiner Einsicht Folge leiste.
Wie soll nun aber ein junger Mann für sich selbst dahin gelangen, dasjenige für
tadelnswert und schädlich anzusehen, was jedermann treibt, billigt und fördert?
Warum soll er sich nicht und sein Naturell auch dahin gehen lassen?
Für das größte Unheil unserer Zeit, die nichts reif werden lässt, muss ich halten,
dass man im nächsten Augenblick den vorhergehenden verspeist, den Tag im Tage
vertut und so immer aus der Hand in den Mund lebt, ohne irgend etwas vor sich zu
bringen. Haben wir doch schon Blätter für sämtliche Tageszeiten! ein guter Kopf
könnte wohl noch eins und das andere interkalieren. Dadurch wird alles, was ein
jeder tut, treibt, dichtet, ja was er vorhat, ins Öffentliche geschleppt.
Niemand darf sich freuen oder leiden als zum Zeitvertreib der übrigen; und so
springt's von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Reich zu Reich und
