 Die Schüler lernen eine wie die andre
in ihrer Bedingteit kennen; sodann wird gelehrt, wie sie sich wechselsweise
bedingen und sich sodann wieder wechselseitig befreien.
    Der poetischen Rhytmik stellt der Tonkünstler Takteinteilung und
Taktbewegung entgegen. Hier zeigt sich aber bald die Herrschaft der Musik über
die Poesie; denn wenn diese, wie billig und notwendig, ihre Quantitäten immer so
rein als möglich im Sinne hat, so sind für den Musiker wenig Silben entschieden
lang oder kurz; nach Belieben zerstört dieser das gewissenhafteste Verfahren des
Rhytmikers, ja verwandelt sogar Prosa in Gesang, wo dann die wunderbarsten
Möglichkeiten hervortreten, und der Poet würde sich gar bald vernichtet fühlen,
wüsste er nicht von seiner Seite durch lyrische Zartheit und Kühnheit dem Musiker
Ehrfurcht einzuflößen und neue Gefühle, bald in sanftester Folge, bald durch die
raschesten Übergänge, hervorzurufen.
    Die Sänger, die man hier findet, sind meist selbst Poeten. Auch der Tanz
wird in seinen Grundzügen gelehrt, damit sich alle diese Fertigkeiten über
sämtliche Regionen regelmäßig verbreiten können.
    Als man den Gast über die nächste Grenze führte, sah er auf einmal eine ganz
andere Bauart. Nicht mehr zerstreut waren die Häuser, nicht mehr hüttenartig;
sie zeigten sich vielmehr regelmäßig zusammengestellt, prächtig und schön von
außen, geräumig, bequem und zierlich von innen; man ward hier einer unbeengten,
wohlgebauten, der Gegend angemessenen Stadt gewahr. Hier sind bildende Kunst und
die ihr verwandten Handwerke zu Hause, und eine ganz eigene Stille herrscht über
diesen Räumen.
    Der bildende Künstler denkt sich zwar immer in Bezug auf alles, was unter
den Menschen lebt und webt, aber sein Geschäft ist einsam, und durch den
sonderbarsten Widerspruch verlangt vielleicht kein anderes so entschieden
lebendige Umgebung. Hier nun bildet jeder im stillen, was bald für immer die
Augen der Menschen beschäftigen soll; eine Feiertagsruhe waltet über dem ganzen
Ort, und hätte man nicht hie und da das Picken der Steinhauer oder abgemessene
Schläge der Zimmerleute vernommen, die soeben emsig beschäftigt waren, ein
herrliches Gebäude zu vollenden, so wäre die Luft von keinem Ton bewegt gewesen.
    Unserm Wanderer fiel der Ernst auf, die wunderbare Strenge, mit welcher
sowohl Anfänger als Fortschreitende behandelt wurden; es schien, als wenn keiner
aus eigener Macht und Gewalt etwas leistete, sondern als wenn ein geheimer Geist
sie alle durch und durch belebte, nach einem einzigen großen Ziele hinleitend.
Nirgends erblickte man Entwurf und Skizze, jeder Strich war mit Bedacht gezogen,
und als sich der Wanderer von dem Führer eine Erklärung des ganzen Verfahrens
erbat, äußerte dieser: die Einbildungskraft sei ohnehin ein vages, unstätes
Vermögen, während das ganze Verdienst des bildenden Künstlers darin bestehe, dass
er sie immer mehr bestimmen, festhalten, ja endlich bis zur Gegenwart erhöhen
lerne.
