 Wahrheit, und nur männliche,
tüchtige Geister werden durch Erkennen eines Irrtums erhöht und gestärkt. Eine
solche Entdeckung hebt sie über sich selbst, sie stehen über sich erhoben und
blicken, indem der alte Weg versperrt ist, schnell umher nach einem neuen, um
ihn alsofort frisch und mutig anzutreten.
    Unzählig sind die Verlegenheiten, in welche sich der Mensch in solchen
Augenblicken versetzt sieht; unzählig die Mittel, welche eine erfinderische
Natur innerhalb ihrer eignen Kräfte zu entdecken, sodann aber auch, wenn diese
nicht auslangen, außerhalb ihres Bereichs freundlich anzudeuten weiß.
    Zu gutem Glück jedoch war der Major durch ein halbes Bewusstsein, ohne sein
Wollen und Trachten, schon auf einen solchen Fall im tiefsten vorbereitet.
Seitdem er den kosmetischen Kammerdiener verabschiedet, sich seinem natürlichen
Lebensgange wieder überlassen, auf den Schein Ansprüche zu machen aufgehört
hatte, empfand er sich am eigentlichen körperlichen Behagen einigermaßen
verkürzt. Er empfand das Unangenehme eines Überganges vom ersten Liebhaber zum
zärtlichen Vater; und doch wollte diese Rolle immer mehr und mehr sich ihm
aufdringen. Die Sorgfalt für das Schicksal Hilariens und der Seinigen trat immer
zuerst in seinen Gedanken hervor, bis das Gefühl von Liebe, von Hang, von
Verlangen annähernder Gegenwart sich erst später entfaltete. Und wenn er sich
Hilarien in seinen Armen dachte, so war es ihr Glück, was er beherzigte, das er
ihr zu schaffen wünschte, mehr als die Wonne, sie zu besitzen. Ja er musste sich,
wenn er ihres Andenkens rein genießen wollte, zuerst ihre himmlisch
ausgesprochene Neigung, er musste jenen Augenblick denken, wo sie sich ihm so
unverhofft gewidmet hatte.
    Nun aber, da er in klarster Nacht ein vereintes junges Paar vor sich
gesehen, die Liebenswürdigste zusammenstürzend, in dem Schoße des Jünglings,
beide seiner verheissenen hülfreichen Wiederkunft nicht achtend, ihn an dem genau
bezeichneten Orte nicht erwartend, verschwunden in die Nacht, und er sich selbst
im düstersten Zustande überlassen: wer fühlte das mit und verzweifelte nicht in
seine Seele?
    Die an Vereinigung gewöhnte, auf nähere Vereinigung hoffende Familie hielt
sich bestürzt auseinander; Hilarie blieb hartnäckig auf ihrem Zimmer, der Major
nahm sich zusammen, von seinem Sohne den früheren Hergang zu erfahren. Das
Unheil war durch einen weiblichen Frevel der schönen Witwe verursacht. Um ihren
bisher leidenschaftlichen Verehrer Flavio einer andern Liebenswürdigen, welche
Absicht auf ihn verriet, nicht zu überlassen, wendet sie mehr scheinbare Gunst,
als billig ist, an ihn. Er, dadurch aufgeregt und ermutigt, sucht seine Zwecke
heftig bis ins Ungehörige zu verfolgen, worüber denn erst Widerwärtigkeit und
Zwist, darauf ein entschiedener Bruch dem ganzen Verhältnis unwiederbringlich
ein Ende macht.
    Väterlicher Milde bleibt nichts übrig, als die Fehler der Kinder, wenn sie
traurige Folgen haben, zu bedauern und
