. Was dem
Einzelnen innerlich begegnet, gehört zur zweiten Religion, zur Religion der
Weisen: eine solche war die, welche Christus lehrte und übte, solange er auf der
Erde umherging. Deswegen ist hier das Äußere abgeschlossen, und ich eröffne Euch
nun das Innere.«
    Eine Pforte tat sich auf, und sie traten in eine ähnliche Galerie, wo
Wilhelm sogleich die Bilder der zweiten heiligen Schriften erkannte. Sie
schienen von einer andern Hand zu sein als die ersten: alles war sanfter,
Gestalten, Bewegungen, Umgebung, Licht und Färbung.
    »Ihr seht«, sagte der Begleiter, nachdem sie an einem Teil der Bilder
vorübergegangen waren, »hier weder Taten noch Begebenheiten, sondern Wunder und
Gleichnisse. Es ist hier eine neue Welt, ein neues Äußere, anders als das
vorige, und ein Inneres, das dort ganz fehlt. Durch Wunder und Gleichnisse wird
eine neue Welt aufgetan. Jene machen das Gemeine außerordentlich, diese das
Außerordentliche gemein.« - »Ihr werdet die Gefälligkeit haben«, versetzte
Wilhelm, »mir diese wenigen Worte umständlicher auszulegen: denn ich fühle mich
nicht geschickt, es selbst zu tun.« - »Sie haben einen natürlichen Sinn«,
versetzte jener, »obgleich einen tiefen. Beispiele werden ihn am geschwindesten
aufschließen. Es ist nichts gemeiner und gewöhnlicher als Essen und Trinken;
außerordentlich dagegen, einen Trank zu veredeln, eine Speise zu
vervielfältigen, dass sie für eine Unzahl hinreiche. Es ist nichts gewöhnlicher
als Krankheit und körperliche Gebrechen; aber diese durch geistige oder
geistigen ähnliche Mittel aufheben, lindern ist außerordentlich, und eben daher
entsteht das Wunderbare des Wunders, dass das Gewöhnliche und das
Außerordentliche, das Mögliche und das Unmögliche eins werden. Bei dem
Gleichnisse, bei der Parabel ist das Umgekehrte: hier ist der Sinn, die
Einsicht, der Begriff das Hohe, das Außerordentliche, das Unerreichbare. Wenn
dieser sich in einem gemeinen, gewöhnlichen, fasslichen Bilde verkörpert, so dass
er uns als lebendig, gegenwärtig, wirklich entgegentritt, dass wir ihn uns
zueignen, ergreifen, festhalten, mit ihm wie mit unsersgleichen umgehen können,
das ist denn auch eine zweite Art von Wunder und wird billig zu jenen ersten
gesellt, ja vielleicht ihnen noch vorgezogen. Hier ist die lebendige Lehre
ausgesprochen, die Lehre, die keinen Streit erregt; es ist keine Meinung über
das, was Recht oder Unrecht ist; es ist das Rechte oder Unrechte
unwidersprechlich selbst.«
    Dieser Teil der Galerie war kürzer, oder vielmehr es war nur der vierte Teil
der Umgebung des innern Hofes. Wenn man jedoch an dem ersten nur vorbeiging, so
verweilte man hier gern; man ging gern hier auf und ab. Die Gegenstände waren
nicht so auffallend
