 Religionen, deren es auch nur dreie gibt, nach den Objekten, gegen
welche sie ihre Andacht wenden.«
    Die Männer hielten inne, Wilhelm schwieg eine Weile nachdenkend; da er in
sich aber die Anmassung nicht fühlte, den Sinn jener sonderbaren Worte zu deuten,
so bat er die Würdigen, in ihrem Vortrage fortzufahren, worin sie ihm denn auch
sogleich willfahrten. »Keine Religion«, sagten sie, »die sich auf Furcht
gründet, wird unter uns geachtet. Bei der Ehrfurcht, die der Mensch in sich
walten lässt, kann er, indem er Ehre gibt, seine Ehre behalten, er ist nicht mit
sich selbst veruneint wie in jenem Falle. Die Religion, welche auf Ehrfurcht vor
dem, was über uns ist, beruht, nennen wir die etnische, es ist die Religion der
Völker und die erste glückliche Ablösung von einer niederen Furcht; alle
sogenannten heidnischen Religionen sind von dieser Art, sie mögen übrigens Namen
haben, wie sie wollen. Die zweite Religion, die sich auf jene Ehrfurcht gründet,
die wir vor dem haben, was uns gleich ist, nennen wir die philosophische: denn
der Philosoph, der sich in die Mitte stellt, muss alles Höhere zu sich herab,
alles Niedere zu sich herauf ziehen, und nur in diesem Mittelzustand verdient er
den Namen des Weisen. Indem er nun das Verhältnis zu seinesgleichen und also zur
ganzen Menschheit, das Verhältnis zu allen übrigen irdischen Umgebungen,
notwendigen und zufälligen, durchschaut, lebt er im kosmischen Sinne allein in
der Wahrheit. Nun ist aber von der dritten Religion zu sprechen, gegründet auf
die Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist; wir nennen sie die christliche, weil
sich in ihr eine solche Sinnesart am meisten offenbart; es ist ein Letztes, wozu
die Menschheit gelangen konnte und musste. Aber was gehörte dazu, die Erde nicht
allein unter sich liegen zu lassen und sich auf einen höheren Geburtsort zu
berufen, sondern auch Niedrigkeit und Armut, Spott und Verachtung, Schmach und
Elend, Leiden und Tod als göttlich anzuerkennen, ja Sünde selbst und Verbrechen
nicht als Hindernisse, sondern als Fördernisse des Heiligen zu verehren und
liebzugewinnen. Hievon finden sich freilich Spuren durch alle Zeiten, aber Spur
ist nicht Ziel, und da dieses einmal erreicht ist, so kann die Menschheit nicht
wieder zurück, und man darf sagen, dass die christliche Religion, da sie einmal
erschienen ist, nicht wieder verschwinden kann, da sie sich einmal göttlich
verkörpert hat, nicht wieder aufgelöst werden mag.«
    »Zu welcher von diesen Religionen bekennt ihr euch denn insbesondere?« sagte
Wilhelm. »Zu allen dreien«, erwiderten jene; »denn sie zusammen bringen
eigentlich die wahre Religion hervor; aus
