 mit Haupt und Füßen aus einem Stücke, der Gegenstand sowohl als die
herrlichste Kunst ward sorgfältig in dem kostbarsten Lädchen aufbewahrt; vor
ungefähr zehn Jahren erhielt ich das dazugehörige Kreuz mit der Inschrift, und
ich ließ mich verführen, durch den geschicktesten Bildschnitzer unserer Zeit die
Arme ansetzen zu lassen; aber wie weit war der Gute hinter seinem Vorgänger
zurückgeblieben; doch es mochte stehen, mehr zu erbaulichen Betrachtungen als zu
Bewunderung des Kunstfleisses.
    Nun denken Sie mein Ergötzen! Vor kurzem erhielt ich die ersten, echten
Arme, wie Sie solche zur lieblichsten Harmonie hier angefügt sehen, und ich,
entzückt über ein so glückliches Zusammentreffen, enthalte mich nicht, die
Schicksale der christlichen Religion hieran zu erkennen, die, oft genug
zergliedert und zerstreut, sich doch endlich immer wieder am Kreuze
zusammenfinden muss.«
    Wilhelm bewunderte das Bild und die seltsame Fügung. »Ich werde Ihrem Rat
folgen«, setzte er hinzu; »bleibe das Kästchen verschlossen, bis der Schlüssel
sich findet, und wenn es bis ans Ende meines Lebens liegen sollte.« - »Wer lange
lebt«, sagte der Alte, »sieht manches versammelt und manches auseinanderfallen.«
    Der junge Besitzgenosse trat soeben herein, und Wilhelm erklärte seinen
Vorsatz, das Kästchen ihrem Gewahrsam zu übergeben. Nun ward ein großes Buch
herbeigeschaft, das anvertraute Gut eingeschrieben; mit manchen beobachteten
Zeremonien und Bedingungen ein Empfangschein ausgestellt, der zwar auf jeden
Vorzeigenden lautete, aber nur auf ein mit dem Empfänger verabredetes Zeichen
honoriert werden sollte.
    Als dieses alles vollbracht war, überlegte man den Inhalt des Briefes,
zuerst sich über das Unterkommen des guten Felix beratend, wobei der alte Freund
sich ohne weiteres zu einigen Maximen bekannte, welche der Erziehung zum Grunde
liegen sollten.
    »Allem Leben, allem Tun, aller Kunst muss das Handwerk vorausgehen, welches
nur in der Beschränkung erworben wird. Eines recht wissen und ausüben gibt
höhere Bildung als Halbheit im Hundertfältigen. Da, wo ich Sie hinweise, hat man
alle Tätigkeiten gesondert; geprüft werden die Zöglinge auf jedem Schritt; dabei
erkennt man, wo seine Natur eigentlich hinstrebt, ob er sich gleich mit
zerstreuten Wünschen bald da-, bald dorthin wendet. Weise Männer lassen den
Knaben unter der Hand dasjenige finden, was ihm gemäß ist, sie verkürzen die
Umwege, durch welche der Mensch von seiner Bestimmung, nur allzu gefällig,
abirren mag.
    Sodann«, fuhr er fort, »darf ich hoffen, aus jenem herrlich gegründeten
Mittelpunkt wird man Sie auf den Weg leiten, wo jenes gute Mädchen zu finden
ist, das einen so sonderbaren Eindruck auf Ihren Freund machte, der den Wert
eines unschuldigen, unglücklichen Geschöpfes durch sittliches Gefühl und
Betrachtung so hoch erhöht hat, dass er dessen Dasein
