, mein eigener Inhalt ist es. Vier
Sprachen, Musik und andre Früchte einer sorgfältigen Bildung sichern mir ein
bequemes Fortkommen in der vornehmen Welt, in der bürgerlichen manche
Geschicklichkeit, welche außer Europa noch neu sein dürfte, als die italienische
Strohflechterei, die Perlweberei usw. Und für die ländlichen Verhältnisse habe
ich in den letzten Jahren soviel Kenntnisse und Fertigkeiten erworben, um
überall, wo nicht belehrend, doch nützlich zu sein. Mehr als dies sichert mich
meine Ansicht von dem Leben und seinen Verhältnissen. Für mich gibt es keinen
Standesunterschied, und ich kann auf jedem Platze zufrieden leben, wo ich nur im
Inneren ich selber bleiben darf.
Da sind wir nun bis nahe an das Ziel unsrer Reise gelangt. Die Küste der Neuen
Welt liegt schon in blauer Ferne vor uns. Ein dünner Nebelschleier ist
darübergebreitet, es ist der Schleier meiner Zukunft. Mit hochklopfendem Herzen
blicke ich dahin, was birgt er mir? Zu fürchten habe ich nichts, denn ich stehe
allein. Wer nichts zu verlieren hat, kann nur gewinnen in dem ewigen
Wechselspiele des Lebens.
    Aber was ist zu gewinnen, wenn man nichts zu wünschen weiß? Ellison steht
neben mir auf dem Verdeck und betrachtet mich mit glühenden Blicken, doch mein
Auge wechselt ruhig zwischen dem Anblick der blauen Berge und der raschen
Strömung des Delaware, an dessen Mündung wir Anker geworfen haben. Ein Teil
unsrer Reisegesellschaft wird uns hier verlassen, wir aber steuern längs den
Küsten hin, um in die Bai zu gelangen, welche hinauf nach Philadelphia führt.
Von dort her schreibe ich Dir wieder. Für jetzt lebe wohl. Jetzt will ich, ohne
Unterbrechung und Störung, die neuen Eindrücke in mir aufnehmen, welche mich
umringen und erwarten. Psyche landet an Acheron; wird sie die Lete finden?
Gewiss! Und alles will sie hineintauchen in die dunklen Wellen, nur nicht die
Bilder ihrer Lieben und nicht Dein Bild, meine traute Adele. Bewahre Du das
meinige, und versuche, mir zu schreiben, lebe wohl! Lebe glücklich! Lebt alle
wohl! Und Du, mein Frankreich, sei glücklich! Tausend, tausend Lebewohl von
Deiner
                                                                       Virginia.
 
                                  Zweiter Teil
                                Virginia an Adele
                                                  Philadelphia, im Dezember 1814
Sei gegrüßt, tausendmal gegrüßt aus der Neuen Welt, meine Adele! Es ist ein
eigenes Gefühl, mit den Einwohnern eines andern Weltteils zu reden, und es fällt
mir auf Augenblicke ordentlich schwer aufs Herz, dass ich nun bei keiner
Lebensverrichtung mehr denken kann, jetzt tut vielleicht Adele dasselbe. Wenn
ich von Gegenstand zu Gegenstand, betrachtend, irre und dabei Deiner gedenke, so
schläfst Du, und mein Bild begegnet Dir nur in Deinen Träumen. Wenn mir die
Sonne strahlend aus dem Meere aufgeht und mich mit neuer Lebenslust
