 die gütige, meiner und rettete meine Sinne durch eine betäubende
Krankheit. Lange habe ich in Fieberhitze gelegen, dem Anscheine nach ein Raub
des Todes, und nur allmählich und schwach ordnete sich mein Bewusstsein wieder.
In dem Zustande eines Kindes, welches die Größe seines Verlustes noch nicht ganz
begreift, lernte ich den meinigen fassen und ertragen. Er, der meines Lebens
Sonne gewesen, war nicht mehr! Mir grauete in der finsteren Nacht, in welcher
ich allein gelassen war. Aber wie Kinder plaudern, wenn sie sich fürchten, so
redete ich leise mit ihm, der mir immer gegenwärtig schien. Ich hörte viel reden
von den Vorfällen des Tages; mein Anteil daran verstärkte sich nur langsam, doch
waren meine Beobachtungen genau und meine Ansichten unverändert. Man äußerte
sich überall mit der Behutsamkeit, an welche man sich seit der Schreckenszeit
gewöhnt hatte, doch merkte ich leicht an den seichten Trostgründen, womit man
einander das Unabänderliche in ein vorteilhaftes Licht zu stellen suchte, wie
sehr man des Trostes bedürfe. Ich vermied jede Äußerung über das, was mich,
nächst meinem persönlichen Verluste, so schmerzlich bewegte, teils aus
körperlicher Schwäche, teils weil ich es für zwecklos hielt, da eine ohnmächtige
Weiberstimme zu erheben, wo Millionen Männerstimmen schweigen mussten; aber mit
dem Geiste meines Vaters setzte ich in Gedanken diese Gespräche fort. Die Sache
des Volkes ist verloren, sagte ich, und die Sache der Fürsten siegt, nach
zwanzigjährigem Blutvergießen. Dass der große Mann des Jahrhunderts verlästert
wird, ist natürlich und liegt schon in seiner Größe. Flecken und Mäler
erscheinen an einer Riesenfigur größer, und Pygmäen finden den Gulliver
abscheulich. Sein größtes Verbrechen aber scheint mir immer zu sein, dass er, im
Volke geboren, sich den Weg zum Throne gebahnt und das Volk ihn darauf bestätigt
hat. Wäre er ein geborener Fürst, man würde ihn in der Geschichte über alle
Helden der Vorzeit erheben und ihm seine Eroberungen nicht als Verbrechen
anrechnen. Dass Regierungen durch solche Besitzergreifungen nicht befleckt
werden, beweisen ja noch in den neuesten Zeiten die Eroberungen Russlands gegen
Süden und Osten, die Handlungsweise der Engländer in Ostindien und die Teilung
von Polen. Der Besiegte trägt sein Schicksal mit Größe, und eben dies verbürgt
mir die Stärke seines Geistes; ein eitler Ehrgeiziger würde darunter erliegen,
doch er, in seinem stolzen Selbstgefühl, würde sich noch in Fesseln erhaben
dünken und frei!
    Mehrere Wochen noch blieb ich, durch einen Zustand von Schwäche, im Bette
festgehalten, und auch dann noch konnte ich nur auf einzelne Stunden im
Wohnzimmer, auf einem Sofa, dem kleinen Familienkreise unsres Hauses beiwohnen.
In demselben hatte sich während meiner Krankheit eine große Veränderung
zugetragen. Ein junger deutscher freiwilliger Jäger war bei uns einquartiert und
