 welches seinen
eigenen Schmerz vergaß, um den verehrten Herrscher zu trösten. Er hatte nichts
verloren.
    Ein neues Heer zog bald dem nahenden Feinde entgegen, und in gespannter
Erwartung wendeten sich alle Blicke gen Osten. Deutschland fiel ab von dem Bunde
mit uns, diese Vormauer gegen den andringenden Koloss des Nordens war nicht mehr.
Tief schmerzte dieser Abfall mein Volk. Mancher schmähte die tapfern Deutschen,
doch ich teilte diese Ansicht nicht. Die Deutschen hatten recht, sobald sie bloß
den Druck des Augenblicks in Betracht zogen; und wie konnten sie anders? Die
Last des Krieges hatte jahrelang jeden einzelnen gedrückt, sein Ursprung war
vergessen und von der Menge unbeachtet, der Sinn für Freiheit und Menschenrecht
allgemeiner und lebhafter geworden. Sie fühlten sich gefesselt, klagten
Frankreich deshalb an, erhoben sich in ihrer Kraft, wie einst gegen das Joch der
Römer, und siegten wie damals. Gebe Gott, dass ihre blutige Saat ihnen goldene
Früchte trage! Der Volkswille ist mir etwas Ehrenwertes, und deshalb achte ich
die daraus entsprungenen Grosstaten der Deutschen, wie tief auch die Wunden sind,
welche sie mir und meinem Frankreich schlugen. Möge das Gefühl ihrer Kraft nie
wieder in ihnen entschlummern, so gelingt ihnen vielleicht einst, was Frankreich
vergebens gewollt.
    Mein Vater sah dem immer näher sich heranwälzenden Ungewitter des Krieges
mit ernsten Blicken entgegen. Er traf Vorkehrungen, welche ich oft nicht ganz
begriff, beschränkte unsere Ausgaben und suchte die Einnahme auf jede Weise zu
erhöhen, selbst durch Verkäufe, welche nicht völlig den Wert der Dinge
erreichten. »Die Zeit wird böse«, sagte er, »man kann der baren Hülfsquellen
nicht zuviel haben.« dabei war er der pünktlichste Zahler jeder öffentlichen
Abgabe, der freigebigste bei jedem freiwilligen Beitrage. Alle Vergünstigungen,
welche er schon längst den Einwohnern auf unsern Besitzungen zugestanden, suchte
er gerichtlich auf Kinder und Kindeskinder hinaus sicherzustellen und bewies
darin eine Ängstlichkeit, welche mich in Verwunderung setzte. Überhaupt handelte
und redete er oft in dem Sinne eines Sterbenden, der seine Rechnung mit der Welt
und dem Himmel abschliesst obschon er blühend und in Lebensfülle vor mir stand.
Wenn ich ihn dann ängstlich umarmte und ihm fragend ins Auge sah, blickte er
mich heiter an. »Meine Virginia«, sagte er, »wird begreifen, was not tut, wenn
es not tut; und wird tragen, was Pflicht und Ehre gebieten.« - »Oh, mein Vater«,
rief ich, »nach so großem Verlust, was kann ich noch verlieren?« - »Verliere nur
dich selbst nicht, so hast du nichts verloren!« sagte er ernst. Und ewig hallt
dies Wort in meiner Seele wider.
    Es war ein rauer Novembertag, der Sturm heulte
