? Auch fühlte sich das Herz meines Vaters völlig befriedigt. Doch
sein philosophischer Geist empfand nach und nach immer mehr das Bedürfnis eines
Wesens, das in seine Ideen eingehen, mit dem er sich über die Gegenstände
unterhalten könnte, die ihm die wichtigsten waren. Er hatte oft versucht, sie
dafür auszubilden, aber mit wenig Erfolg.
    In mir drang sich ihm ein bildsamer Stoff ganz von selbst auf, und mit
schöpferischer Liebe legte er Hand an, ohne auf die Menge der Bedenklichkeiten
Rücksicht zu nehmen, welche ihn allenfalls davon hätten abmahnen können. Emil,
drei Jahre jünger als ich, wurde bald mein treuer Spielgefährte; wir waren ein
Herz und eine Seele. Mein Vater schien seine Zärtlichkeit ganz gleichmäßig
zwischen uns zu teilen, so wie seine belehrende Sorgfalt. Es war aber sehr
natürlich, dass ich einen starken Vorsprung behielt, auch war der Knabe immer
mehr in der Sinnenwelt als in der Ideenwelt zu Hause. Es gibt Augenblicke, wo
ich ihn deshalb glücklich preise. Aber ach, die Richtung unsrer Seele liegt
außer unsrer Macht, geschieht schon, ehe wir uns dieser bewusst werden, und ist
fast angeboren.
    Wir trieben uns fleißig in der umliegenden Gegend umher und spielten manches
verwegene Spiel; ich im romantischen Sinne ritterlicher Vorzeit, er nach wilder
Knabenart. So schaukelten wir uns oft in einem Fischernachen auf der wilden
Durance und arbeiteten uns mit Stangen längs den Uferkrümmungen hin; Emil, um
seine Kräfte zu messen mit der Gewalt des Stromes oder um ein Entennest
aufzusuchen, im Schilfe; ich, weil ich in Gedanken Kolumbus begleitete, eine
neue Welt zu entdecken und in einer unbekannten Bucht zu landen. Mein Vater
kaufte nach einigen Jahren die Ländereien eines benachbarten Klosters, nachdem
dieses längst aufgehoben und feilgeboten war. Der Großvater in Aix war
gestorben, und ein Teil des Vermögens meiner Mutter konnte nicht vorteilhafter
genutzt werden. Diese fühlte wohl anfangs einige Gewissensskrupel darüber, doch
wusste sie der Weltgeistliche unsres Kirchsprengels, ein konstitutioneller
Priester, zu heben.
    Überdies bildete sich bei meiner Mutter der Sinn für Erwerb und Besitz mit
den Jahren immer mehr aus. Sie wurde eine äußerst emsige Wirtin und ging in die
geringsten Kleinigkeiten ein. Mein Vater ließ sie gewähren; sein Glück ruhte
nur auf das Ganze. Ihm war nicht darum zu tun, was er persönlich gewann, sondern
wieviel allgemeiner Wohlstand, durch diese oder jene Anlage, verbreitet werden
konnte. Für diese seine höheren Zwecke aber war er rastlos tätig, und sein
vergrösserter Wirkungskreis ließ ihm bald nur wenig Zeit zum Unterricht für uns
übrig; daher er sich, wiewohl ungern, entschloss, von seinem lieben Emil sich zu
trennen. Er brachte ihn nach Aix zu einem seiner ältesten Schulfreunde, welcher
dort Professor am Lyzeum war.
