 unerlässlichen Pflicht, der vor Allem
der Schleier sanfter Bescheidenheit ziemt.
    Wie ganz anders als so viele Frauen, die er in dieser Hinsicht beobachtet
hatte, erschien das leise, anspruchlose Walten Erna's, die die Seele ihres
Hauses war.
    Mit ernster Güte wusste sie ein zahlreiches Dienstpersonal zur Punktlichkeit
und Ordnung anzuhalten. Sie war geliebt von allen, und zugleich gefürchtet, weil
die Achtung, die sie einflößte, jeden nichts so sehr als die Möglichkeit, ihr zu
misfallen, scheuen ließ. Mit sicherm, aber ruhigem Blick ging sie in jedes
Detail der Haushaltung ein, sorgte für alles, dachte an alles, und fand auch die
geringste Kleinigkeit ihrer Aufmerksamkeit nicht unwert, weil alles nützen
kann, scheint es auch noch so unbedeutend. dabei war sie stets gleicher Laune,
seufzte und klagte nie über viele Geschäfte, oder gab durch Klirren der
Schlüssel, Türenzuwerfen und eine bis zum ängstlichen Abmühen getriebene
Tätigkeit zu erkennen, wie viel auf ihr laste. Immer gut und sorgsam angezogen,
immer aufgelegt zu interessanter Unterhaltung, immer ruhig und Zeit habend,
obgleich nichts versäumt ward, schien eine weise, jedoch nicht pedantische
Überlegung alle ihre Handlungen zu ordnen, so dass wie Glieder einer Kette, eine
regelmäßig und still in die andere griff.
    Auch als Mutter, ein Verhältnis, das er nicht ohne den herbsten Schmerz sich
auszudenken vermochte, stand sie ausgezeichnet vor tausend Frauen, die er
kannte, und selbst vor denen, die er vorzüglich in dieser Würde ehrte, da, die
himmlische, sich selbst vergessende Liebe, mit der sie die Kinder ihres Herzens
umsing, mit jenem Ernst verbindend, der aus der Festigkeit des Willens: nur ihr
wahres Wohl als Zweck sich vorsetzend, und sie eben deshalb keineswegs
verziehend, hervorgeht.
    Otto, der älteste Knabe, war nicht allein von der Natur begünstigt, sondern
durch den reinen Einfluss des mütterlichen Wirkens bereits zu einer Höhe der
Liebenswürdigkeit und Ausbildung gebracht, die selten schon in diesem zarten
Alter sich zeigt.
    Gehorsam, als die Hauptbasis aller guten Kinderzucht, Bescheidenheit
Genügsamkeit, Selbstbeherrschung - alle jene Tugenden, die den, der sie besitzt,
um so lieblicher zieren, je öfterer der Mensch sie in sich und Anderen vermisst,
waren die sorgsam gepflegten Keime, die Erna in seine junge Seele gepflanzt
hatte, und jede Beschäftigung mit ihm, der sie stets wie ihr Schatten umgab,
entwickelte seine noch mit Nacht umhüllten Begriffe, und prägte durch Lehre und
Beispiel gleich kräftig das Gute und Schöne in sein kindliches Herz.
 
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Weniger klar ließ sich erkennen, was sie als Gattin war - oder vielleicht
raubten ihm die Leidenschaften, die stets in ihm in Bewegung gerieten, wenn er
sie von dieser Seite betrachtete, die nötige Unbefangenheit des Urteils
