 denken, um sein aufgewiegeltes Herz
wieder zu der stumpfen Ruhe zurückzubringen, die nun einmal der wohltätigste
Gemütszustand war, den das dürftige Geschick ihm gönnte. Denn ihm mangelte
Neigung und Entschluss, um mit Bestimmtheit Pläne für seine Zukunft zu entwerfen,
da dem Menschen, der nicht zurück blicken mag oder darf, leicht auch die Lust
fehlt, seine Kräfte vorwärts zu richten, und er in ein müdes sich Gehenlassen,
statt des Handelns, verfällt.
    Da scheuchte ihn plötzlich ein Zufall aus dieser hinbrütenden
Halbbewusstlosigkeit auf.
    Ein Rad seines Wagens nämlich lief ab, und der im vollen Trab fahrende
Postillon vermochte die Pferde erst anzuhalten, als der Wagen bereits umgefallen
und zerbrochen war, und Alexander mehrere schmerzhafte, wenn gleich nicht
gefährliche Verletzungen am Kopfe erhalten hatte.
    Sie waren gerade am Ende jenes Tannenwaldes, dessen unverwelkliches, mit
Schnee vermischtes Grün ihn damals, als er Erna im Schlitten fuhr, symbolisch in
seinem Innern zum Hoffen ermuntert hatte.
    Er beschloss, während Benedikt mit dem Postillon sich bemühte, den Wagen
wieder aufzuhelfen und in einigermaßen fahrbaren Stand zu bringen, zu Fuß nach
dem nah gelegenen Sorgenfrei zu gehen, um die Teilnahme seines Jugendfreundes,
der es bewohnte, anzusprechen, und durch einen Verband mit Essig oder Wein das
Schwellen der erhaltenen Quetschungen zu vermindern.
    Als er das heitere, wohlgebaute Haus auf seiner sanften Anhöhe erblickte,
glühten eben die Fenster so feurig vom abendlichen Sonnenstrahl beglänzt, als
wollten innere Flammen hervorlodern. Sanfte Lüfte säuselten in den blühenden
Linden, die es wie ein dunkler Kranz umgaben, und trugen den lieblichen Duft,
der ihm wie ein Gruß des Willkommens entgegen wehte, weit umher. Als er näher
kam, bemerkte er allenthalben eine sorgsamere Kultur als vormals. Das ist der
eigentümliche Segen der Häuslichkeit, dachte er bei sich selbst. Der Mensch ist
nicht geboren, um unstät und flüchtig durch die Welt zu pilgern. Hat er sich
erst ein Asyl gegründet, das ihn schützt vor den Stürmen des Lebens, so gewinnt
er es bald lieb, und schmückt es, wie das Kind seine Puppe. Er nimmt dann die
engen Schranken, die ihn umbauen, unter der freundlichen Hülle nicht wahr, mit
der sein Fleiß sie umgibt, und dankbar - dankbarer als die Menschen - ist der
Boden, den man mit Sorgfalt pflegt. -
    Unter hohen Blumenstauden, die sich von dem frischen, kurz gehaltenen Rasen
eines freien Platzes erhoben, saß ein herrlicher Knabe und spielte. Eine Glorie
von blonden Locken umwallte sein liebliches Gesicht, und mit großen braunen,
sonnenklaren Augen schaute er ihm voll herzgewinnendem Vertrauens entgegen.
    Alexander konnte kein nur einigermaßen liebenswürdiges Kind sehen, ohne sich
innig zu ihm hingezogen zu fühlen. Er beugte sich herab zu dem Kleinen, der
etwas
