 zu lähmen, jede Freudigkeit zu vernichten. Sie befragte sich
selbst in der Bangigkeit ihrer Zweifel, ob es Gottes Hand sei, die diese
schwere, dunkle Wolke über ihr Leben herauf führte, oder der Dämon eigener Schuld
- aber ihr Bewusstsein war rein, und warf ihr nur ein zu blindes, nur so bitter
hintergangenes Vertrauen, nur eine zu innige, jetzt so grausam getäuschte
Neigung, keinen Fehler vor, der Alexanders raues Abwenden von ihr hätte
rechtfertigen können.
    Der Sturm, den betrogener Glaube, gemisbrauchtes Zutrauen, und das
unheilbare Gift einer ewigen Hoffnungslosigkeit in ihrer Seele erregt hatte,
näherte sie fast dem Wahnsinn, indem er ihre körperliche Kraft sichtbar aufrieb.
    Ihre Mutter, die nur durch Augusten, nicht durch die von der Größe ihres
Schmerzes verschlossnen Lippen ihres Kindes das Vorgefallene erfuhr, vergaß der
eignen Leiden, um den Kummer der geliebten Tochter lindern und tragen zu helfen.
    Längst hatten ihr die Ärzte bei der Zartheit ihrer Konstitution einen
Aufenthalt in südlichen Ländern verordnet. Aber die Beschwerden einer so weiten
Reise, das Gefühl ihrer Schwäche, die Anhänglichkeit an ihren Wohnort und an den
freundlichen Kreis, der sie dort umgab, und so manche Schwierigkeiten mehr, die
der Kränkliche mühsam überwindet, weil er, der Energie und des Mutes beraubt,
leicht in der spielenden Mücke einen drohenden Elephanten erblickt, hatten sie
bisher abgehalten, um ihrentwillen diesen heilsamen Rat zu befolgen.
    Aber kaum hatte man ihr gesagt, dass Erna, krank an Leib und Seele, der
Zerstreuung und einer mildern Luft bedürfe, um zu genesen, als das liebevolle
Mutterherz Entschlossenheit genug in sich fand, allen Hindernissen Trotz zu
bieten.
    Mit einer Eil, die sich selbst nicht Ruhe vergönnte, wurden die Anstalten
zur Abreise betrieben. Seit Jahren in einem völlig leidenden Zustand, und aller
Tätigkeit entwöhnt, überließ sie sich jetzt einer so eifrigen Betriebsamkeit,
dass sie gleichsam in diesem Streben noch einmal wieder aufglühte, wie die
hinsterbende Lampe kurz vor dem Erlöschen höher aufflackert.
    Denn sie konnte die Sorge für das Mittel, durch welches sie ihr größtes
Kleinod zu retten hoffte, niemand, sogar der treuen Auguste nicht überlassen und
die mühevollsten Anstrengungen, deren sie sich unterzog, gaben durch ihren
heiligen Zweck ihren erschlafften Nerven wieder Spannung, ihrem hinfälligen
Körper wieder Kraft.
    Sie ordnete alles selbst, und da sie weder Mühe noch Geld sparte, so war das
Ziel ihres Strebens bald erreicht, und wenig Wochen nach der Katastrophe, die
Erna's Herz brach, rollte der schwer beladene Reisewagen bereits mit ihr dem
freundlichen Süden zu.
    Die Generalin blickte weinend ihrer alten Freundin nach. War es die Ahnung,
dass sie sie niemals wieder sehen werde, war es ein innerer Vorwurf, dass ihr
voreiliger Wunsch, Erna
