 Befriedigung zu finden
vermöge, lächelte er sie mit jenem gutmütig sich überhebenden Gemisch von
Ironie und freundlichen Bedauerns an, wie man die ungereimten Einfälle eines
Kindes zu belächeln pflegt.
    Allerdings, versetzte er, sind dies die Regeln, welche Präceptor und
Gouvernante in früher Jugend uns sclavisch einzuprägen suchen - aber wie bald
reibt das wirkliche Leben diesen Rost der Schulmoral von uns ab, und dann erst
treten wir aus langweiliger Unbemerkteit hervor, und fangen an zu glänzen.
    Um comme il faut zu sein, muss man die Form jener liebenswürdigen Tugenden
annehmen, die vielleicht früher wirklich existirten, jetzt aber nur einen
trügerischen Wiederschein in der Seele des Menschen zurückgelassen haben, wie
der blaue Himmel im Teiche sich spiegelt, ohne darum Himmel zu sein. Milde,
Nachsicht, Güte, Bescheidenheit, und wie die guten Eigenschaften weiter heißen,
die uns in unserer Kindheit gepredigt werden, müssen stets die eigentliche
bittere Pille des Gemüts vergolden. Denn beissende Ausfälle, Lästerungen und
sinnliche Vertraulichkeiten dürfen sich nicht ungestraft in ihrer Nacktheit
sehen lassen - sie müssen durch irgend eine mildernde Hülle sanft verschleiert,
durch Witz, treffenden Scharfsinn und den Anschein einer anständigen
Schicklichkeit erst autorisirt werden, in der guten Gesellschaft zu erscheinen.
    Wenn es so ist, sagte Erna mit ihrer Angst ringend, so ist die
Zurückgezogenheit des Landlebens ja ein zwiefaches Glück. Nicht nur, dass in ihm
die Natur uns näher ist, und uns inniger mit Gott verbindet, als all das bunte
Treiben in der Welt - wir bedürfen auch, selbst wenn wir ihre Anwendung nicht
verschmähten, jener armseligen Kunstgriffe nicht, die dazu dienen ohne innern
Wert zu schimmern.
    Sie sind noch so neu in der Welt, meine holde Erna, erwiderte Alexander
jene ironische Miene beibehaltend, die ihm so übel kleidete, indem sie ihm ein
höhnisches Ansehen gab, dass ich Ihnen Ihr übereiltes Urteil verzeihe. Dass uns
der Umgang mit Schafen, Hühnern und Pflanzen allerdings bis zum Langweiligwerden
unschuldig erhält, ist freilich, wenn Sie wollen, ein Vorzug des Landlebens, den
aber der gebildetere Sinn weder begehrt noch beneidet. Dass unser Dasein ein
Lustspiel für uns, ein Schauspiel für andere, und für niemanden ein Trauerspiel
sei, ist, wie mir scheint, der vernünftige Zweck, den die Natur uns vorzeichnet,
und um ihn zu erreichen, dürfen wir gern links und rechts die Blumen pflücken,
die an unserm Wege blühn, wenn auch die kalte, engherzige Moral, die im
Geschmack der Karteuser uns memento mori predigt, nicht eben uns Beifall winkt.
So wenig, als gründliche Kenntnisse nötig sind, um in wissenschaftlicher
Hinsicht zu glänzen, da das Gesetz der feinen Lebensart fordert, dass man keinen
Gegenstand erschöpfe, und bloß verlangt, dass man die Oberfläche eines jeden
