 Arme ihrer Freundin Auguste, die sie bei ihrer Rückkehr empfing, und
flüsterte leise und entzückt ihr ins Ohr: Auguste, wie bin ich glücklich!
 
                                      XII
Auguste war eine Freundin und Gehülfin des Hauses. Frau von Willfried, der
sorgsamsten und ununterbrochensten Pflege bedürfend, hatte sie, ehe Erna allein
ihr diese leisten konnte, und um sie ihr späterhin zu erleichtern, zu sich
genommen, und ihr die Aufsicht über die Dienstboten und das Hauswesen, und
Erna's Unterricht in den feineren weiblichen Arbeiten übertragen.
    Auguste, die Tochter eines Predigers, war eine jener zarten, früh
verblühenden Gestalten, die verschlossen, aber in tiefen Frieden mit sich selbst
und andern ihren Lebensweg dahin gehen, ohne dass der aufmerksame Beobachter dem
ihre früheren Verhältnisse fremd sind, zu entscheiden vermag, ob der Wurm der
Kränklichkeit, oder eines durch Unglück erschütterten Gemüts an ihrer vor der
Zeit gewelkten Blüte nagt.
    Hier hatte beides sich vereinigt, sie rasch über die Gränzlinie feuriger,
genussvoller Jugend in jenen sinnigen, ruhigen Zustand reiferer Jahre hinüber zu
führen, in welchem ein weibliches Wesen das leidenschaftliche Getriebe der Welt
nicht mehr als eine Bühne des Handelns, sondern nur des Zuschauens betrachtet.
    So lag schon in ihrem acht und zwanzigsten Jahr das Dasein beschlossen, und
geendet in seinen innigsten Beziehungen hinter ihr. Doch hatte sie die Schätze
eines reinen Gewissens, der Geistesklarheit, und einer nun nicht mehr zu
untergrabenden Ruhe aus dem Schiffbruch einer trüben Vergangenheit gerettet, und
gelassen, klaglos und zufrieden widmete sie sich in stiller Geduld dem ganzen
Umfang ihres Berufs, dankbar, dass Frau von Willfrieds Sanftmut und Erna's
himmlische Güte ihren Pfad freundlich ebneten, indem beide ihren sittlichen
Wert erkannten, und höher ehrten, als ihrer Bescheidenheit eigentlich gerecht
schien.
    Erna zählte erst sieben Jahr, als Auguste ihre Hausgenossin ward. Sie fühlte
sich schnell mit herzlicher Liebe zu dem holden Kinde hingezogen, das schon früh
in allen seinem Denken und Tun den Keim einer seltenen Vortrefflichkeit ahnen
ließ, und es ward ihr bald die heiligste und süßeste Angelegenheit ihres Lebens
ihre Anlagen zu entwickeln, und dem zu wahrer Frömmigkeit sich hinneigenden
Gemüt die Richtung zu geben, die - wie sie aus Erfahrung wusste - in allen
Freuden und Leiden welche das Schicksal bietet, nur in sich Schutz und Schirm
und Gleichgewicht findet.
    Sie lehrte sie, mehr durch Beispiel als durch Worte, in Freude an der Natur,
in stillen nützlichen Beschäftigungen und in der Erfüllung ihrer Pflichten den
Zweck, so wie die Würze ihres Daseins suchen. Auch waren Erna's Verhältnisse
ganz geeignet, um mit ihrem Plan im Bunde sie zur ernsten Einkehr in sich
selbst, zur frühen Reife des Geistes, zur sanften Mäßigung ihrer lebhaften
Gefühle hinzuleiten. Denn die stets leidende Mutter
