
anzueignen. Metodisch steigerte er durch alle Kunstgriffe der Erfahrung und der
männlichen Koketterie die Neigung, die in ihrer reinen Seele für ihn erwacht
war, und belustigte sich an den naiven, ihm den vollen Reiz der Neuheit
gewährenden Wirkungen seines grausamen Unternehmens, ihre Ruhe zu untergraben
und zu einem Opfer seiner Eitelkeit zu machen.
    Frau von Willfried eben sowohl als die Generalin getäuscht durch die
Beflissenheit, mit der er sich um Erna bemühte, leisteten ihm allen möglichen
Vorschub, sich ihr zu nähern. Denn geblendet von ihren Hoffnungen erblickten
beide Frauen in allen seinen Äußerungen so viel Verstand, Charakter, und selbst
Gefühl, dass sie überzeugt waren, er werde das Glück ihres Lieblings machen. Die
unwillkührlichen Ausbrüche des Mutwillens, der Frivolität, und der Satyre, die
zuweilen selbst das Heilige nicht verschonte, erschienen ihren bestochenem
Urteil als Auswüchse, die nur das Leben in der verdorbenen großen Welt ihm
angebildet habe, und die eine reinere Umgebung, das Läuterungsbad wahrer Liebe,
und dereinst die Würde ehelicher Verhältnisse bald genug wieder abschleifen
werde. In dieser Voraussetzung erwarteten sie ruhig und freudig seine nähere
Erklärung, die seinem Benehmen nach, mit jedem Tage wahrscheinlicher wurde.
    Auch Erna, selig gehoben von den Schwingen eines so mächtigen, ihr selbst im
Traume der Ahnung noch nimmer erschienenen Gefühls, sah mit klopfendem Herzen,
von ihrer Mutter auf diesen feierlichen Moment vorbereitet, dem Geständnis des
Jünglings entgegen, dem sie ihr Ja nicht versagen wollte, da sie ihm bereits
ihre innige Neigung geschenkt hatte. Sie gewann allmählig Vertrauen zu ihm und
zu sich selbst. Anfangs, von dem Glanz seiner geschliffenen Außenseite
verblendet, wusste sie nur schüchterne Unterwürfigkeit, blödes Zagen, seinem
munteren und sicheren Ton entgegen zu setzen. Sie erschrak, wenn sie den Klang
ihrer eigenen Stimme vernahm - sie errötete, wenn sein Blick ihr begegnete -
sie zitterte, wenn er sie anredete. Jetzt wich nach und nach die Verlegenheit,
durch die sie sich selbst so gestört und unbequem in ihrem Innern vorkam, einer
bescheidenen Zuversicht, die auf die stolze Überzeugung sich stützte, ein so
hoch an Geist und Bildung über ihr stehendes Wesen, wie ihr Alexander erschien,
begreifen und fassen zu können. Er wusste so unmerklich und leise den kalten Reif
der Verschlossenheit von ihrem Gemüt abzustreifen, wusste, indem er sie so oft
glücklich erriet, ihren undeutlichen Gedanken Klarheit, ihren dunklen Gefühlen
Licht zu geben, und durch einen im rechten Augenblick gleichsam unwillkührlichen
Ausbruch einer erkünstelten Begeisterung für das Gute und Schöne, eine
hingeworfene, wie dem Innern entschlüpfte Floskel der Sentimentalität, ihre
vorteilhafte Meinung von ihm immer fester zu begründen, dass es sehr natürlich
war, wenn ihre Achtung für ihn mit jedem Tage des Beisammenseins wuchs, und die
zarte Liebe ihres Herzens
