 Legationsrat in der Nähe des Fürsten eine ziemlich wichtige Person
vorstellte. Sein Emporsteigen hatte die Familie in eine staunende Bewunderung
gesetzt, die nicht nachließ. Man nannte den Legationsrat mit feierlichem Ernst,
und wenn es hieß: Der Geheime Legationsrat hat geschrieben, der Geheime
Legationsrat hat das und das geäußert, so horchte alles in stummer Ehrfurcht
auf. Dadurch schon seit meiner frühesten Kindheit daran gewöhnt, den Oheim in
der Residenz als einen Mann anzusehen, der das höchste Ziel alles menschlichen
Strebens erreicht, musste ich es natürlich finden, dass ich gar nichts anders tun
konnte, als in seine Fusstapfen treten. Das Bildnis des vornehmen Oheims hing in
dem Prunkzimmer, und keinen größeren Wunsch hegte ich, als so frisiert, so
gekleidet umherzugehen wie der Oheim auf dem Bilde. Diesen Wunsch gewährte mein
Erzieher, und ich muss wirklich als zehnjähriger Knabe anmutig genug ausgesehen
haben, im himmelhoch frisierten Toupet und kleinen zirkelrunden Haarbeutel, im
zeisiggrünen Rock mit schmaler silberner Stickerei, seidenen Strümpfen und
kleinem Degen. Dies kindische Streben ging tiefer ein, als ich älter worden, da,
um mir Lust zur trockensten Wissenschaft einzuflößen, es genügte, mir zu sagen,
dies Studium sei mir nötig, damit ich, dem Oheim gleich, dereinst Legationsrat
werden könne. Dass die Kunst, welche mein Inneres erfüllte, mein eigentliches
Streben, die wahre einzige Tendenz meines Lebens sein dürfe, fiel mir um so
weniger ein, als ich gewohnt war, von Musik, Malerei, Poesie nicht anders reden
zu hören als von ganz angenehmen Dingen, die zur Erheiterung und Belustigung
dienen könnten. Die Schnelle, mit der ich, ohne dass sich jemals auch nur ein
einziges Hindernis offenbart hätte, durch mein erlangtes Wissen und durch den
Vorschub des Oheims in der Residenz, in der Laufbahn, die ich gewissermaßen
selbst gewählt, vorwärts schritt, ließ mir keinen Moment übrig, mich umzuschauen
und die schiefe Richtung des Weges, den ich genommen, wahrzunehmen. Das Ziel war
erreicht, umzukehren nicht mehr möglich, als in einem nicht geahnten Moment die
Kunst sich rächte, der ich abtrünnig worden, als der Gedanke eines ganzen
verlorenen Lebens mich mit trostlosem Weh erfasste, als ich mich in Ketten
geschlagen sah, die mir unzerbrechlich dünkten!« -
    »Glückselig,« rief der Geheime Rat, »glückselig, heilbringend also die
Katastrophe, die dich aus den Fesseln befreite!«
    »Sage das nicht,« erwiderte Kreisler, »zu spät trat die Befreiung ein. Mir
geht es wie jenem Gefangenen, der, als er endlich befreit wurde, dem Getümmel
der Welt, ja dem Licht des Tages so entwöhnt war, dass er nicht vermögend, der
goldnen Freiheit zu genießen, und sich wieder zurücksehnte in den Kerker.
