
wird die Nacht - die Wolken ziehen - eine einsame Taube flattert in bangen
Liebesklagen girrend um den Kirchturm! - Wie! - wenn die liebe Kleine sich mir
nähern wollte? - Ich fühle wunderbar es sich in mir regen, ein gewisser
schwärmerischer Appetit reißt mich hin mit unwiderstehlicher Gewalt! - O, käme
sie, die süße Huldin, an mein liebekrankes Herz wollt' ich sie drücken, sie
nimmer von mir lassen - ha, dort flattert sie hinein in den Taubenschlag, die
Falsche, und lässt mich hoffnungslos sitzen auf dem Dache! - Wie selten ist doch
in dieser dürftigen, verstockten, liebeleeren Zeit wahre Sympatie der Seelen. -
    Ist denn das auf zwei Füßen aufrecht Einhergehen etwas so Großes, dass das
Geschlecht, welches sich Mensch nennt, sich die Herrschaft über uns alle, die
wir mit sichererem Gleichgewicht auf vieren daherwandeln, anmassen darf? Aber ich
weiß es, sie bilden sich was Großes ein auf etwas, was in ihrem Kopfe sitzen
soll, und das sie die Vernunft nennen. Ich weiß mir keine rechte Vorstellung zu
machen, was sie darunter verstehen, aber so viel ist gewiss, dass, wenn, wie ich
es aus gewissen Reden meines Herrn und Gönners schließen darf, Vernunft nichts
anders heißt, als die Fähigkeit, mit Bewusstsein zu handeln und keine dumme
Streiche zu machen, ich mit keinem Menschen tausche. - Ich glaube überhaupt, dass
man sich das Bewusstsein nur angewöhnt; durch das Leben und zum Leben kommt man
doch, man weiß selbst nicht wie. Wenigstens ist es mir so gegangen, und wie ich
vernehme, weiß auch kein einziger Mensch auf Erden das Wie und Wo seiner Geburt
aus eigener Erfahrung, sondern nur durch Tradition, die noch dazu öfters sehr
unsicher ist. Städte streiten sich um die Geburt eines berühmten Mannes, und so
wird es, da ich selbst nichts Entscheidendes darüber weiß, immerdar ungewiss
bleiben, ob ich in dem Keller, auf dem Boden oder in dem Holzstall das Licht der
Welt erblickte oder vielmehr nicht erblickte, sondern nur in der Welt erblickt
wurde von der teuren Mama. Denn wie es unserm Geschlecht eigen, waren meine
Augen verschleiert. Ganz dunkel erinnere ich mich gewisser knurrender,
prustender Töne, die um mich her erklangen, und die ich beinahe wider meinen
Willen hervorbringe, wenn mich der Zorn überwältigt. Deutlicher und beinahe mit
vollem Bewusstsein finde ich mich in einem sehr engen Behältnis mit weichen
Wänden eingeschlossen, kaum fähig, Atem zu schöpfen, und in Not und Angst ein
klägliches Jammergeschrei erhebend. Ich fühlte, dass etwas in das Behältnis
hinabgriff und mich sehr unsanft beim Leibe packte, und dies gab mir
Gelegenheit, die erste wunderbare Kraft, womit mich die Natur begabt, zu
