. Der Jüngling, der sich dort vom Lager erhebt, wurde in gänzlicher
Hilflosigkeit von Mördern überfallen und zum Tode getroffen. Laut rief er, der
sonst ein gottloser Frevler gewesen, der die Gebote der Kirche in höllischem
Wahn verachtet, die heilige Jungfrau um Hilfe an, und es gefiel der himmlischen
Mutter Gottes, ihn aus dem Tode zu erwecken, damit er noch lebe, seine Irrtümer
einsehe und sich in frommer Hingebung der Kirche weihe und ihrem Dienst. -
Dieser Jüngling, dem die Gottgesandte so viel Gnade angedeihen ließ, ist
zugleich der Maler des Bildes.« -
    Kreisler bezeugte darüber, was ihm der Abt sagte, seine nicht geringe
Verwunderung und schloss damit, dass auf diese Weise das Mirakel ja in der
neuesten Zeit sich zugetragen haben müsse.
    »Auch Ihr,« sprach der Abt mit sanftem mildem Ton, »auch Ihr, mein lieber
Johannes, seid also der törichten Meinung, dass das Gnadentor des Himmels jetzt
verschlossen sei, so dass das Mitleiden, die Barmherzigkeit in der Gestalt des
Heiligen, den der bedrängte Mensch in der zermalmenden Angst des Verderbens
brünstig anflehte, nicht mehr hindurchwandeln, selbst dem Bedürftigen erscheinen
und ihm Frieden und Trost bringen könne? - Glaubt mir, Johannes nie haben die
Wunder aufgehört, aber des Menschen Auge ist erblödet in sündigem Frevel, es
kann den überirdischen Glanz des Himmels nicht ertragen und vermag daher nicht
die Gnade der ewigen Macht zu erkennen, wenn sie sich kundtut in sichtbarlicher
Erscheinung. - Doch, mein lieber Johannes, die herrlichsten göttlichsten Wunder
geschehen in dem innersten Gemüt des Menschen selbst, und diese Wunder soll er
laut verkünden, wie er es nur vermag, in Wort, Ton oder Farbe. So hat jener
Mönch, der das Bild malte, das Wunder seiner Bekehrung herrlich verkündet, und
so - Johannes, ich muss von Euch reden, es strömt mir aus dem Herzen - und so
verkündet Ihr in mächtigen Tönen das herrliche Wunder der Erkenntnis des ewigen
klarsten Lichts aus Eurem tiefsten Innern heraus. Und dass Ihr das vermöget, ist
das nicht auch ein gnadenvolles Wunder, das die ewige Macht geschehen lässt zu
Eurem Heil?«
    Kreisler fühlte sich von des Abts Worten gar seltsam erregt; so wie es
selten geschehen, trat der volle Glaube an seine innere schöpferische Kraft
lebendig hervor, und ihn durchbebte ein seliges Wohlbehagen.
    Nicht den Blick hatte Kreisler indessen abgewandt von dem wunderbaren
Gemälde, aber wie es wohl zu geschehen pflegt, dass wir auf Bildern, vorzüglich
wenn, wie es hier der Fall, starke Lichteffekte im Vor-oder Mittelgrunde
angebracht sind, die in den dunklen Hintergrund gestellten Figuren erst später
entdecken, so gewahrte auch jetzt erst Kreisler die Gestalt, die, in einen
weiten Mantel gehüllt
