 zu
einiger Besinnung gekommen, ihre Kur damit an, dass man ihr Mut einsprach und ihr
den bösen Prozess als gewonnen darstellte. - Einig sind auch die erfahrensten
Ärzte darüber, dass eben irgendeine plötzliche starke Gemütsbewegung jenen
Zustand am ersten hervorbringt. Prinzessin Hedwiga ist reizbar bis zum höchsten
ungewöhnlichen Grade, ja, ich möchte den Organismus ihres Nervensystems manchmal
schon an und für sich selbst abnorm nennen. Gewiss scheint es, dass irgendeine
heftige Erschütterung des Gemüts auch ihren Krankheitszustand erzeugte. Man muss
die Ursache zu erforschen suchen, um psychisch mit Erfolg auf sie wirken zu
können! - Die schnelle Abreise des Prinzen Hektor - Nun, gnädigste Frau, die
Mutter dürfte vielleicht tiefer schauen als jeder Arzt und diesem die besten
Mittel an die Hand geben können zur heilsamen Kur.«
    Die Fürstin erhob sich und sprach stolz und kalt: »Selbst die Bürgerfrau
bewahrt gern die Geheimnisse des weiblichen Herzens, das Fürstenhaus erschliesst
sein Inneres nur der Kirche und ihren Dienern, zu denen der Arzt sich nicht
zählen darf!«
    »Wie,« rief der Leibarzt lebhaft, »wer vermag das leibliche Wohl so scharf
zu trennen von dem geistigen? Der Arzt ist der zweite Beichtvater, in die Tiefe
des psychischen Seins müssen ihm Blicke vergönnt werden, wenn er nicht jeden
Augenblick Gefahr laufen will, zu fehlen. Denken Sie an die Geschichte jenes
kranken Prinzen, gnädigste Frau -«
    »Genug!« unterbrach die Fürstin den Arzt beinahe mit Unwillen, »genug! - Nie
werde ich mich bewegen lassen, eine Unschicklichkeit zu begehen, ebensowenig als
ich glauben kann, dass irgendeine Unschicklichkeit auch nur in Gedanke und
Empfindung die Krankheit der Prinzessin veranlasst haben kann.«
    Damit entfernte sich die Fürstin und ließ den Leibarzt stehen.
    »Wunderliche,« sprach dieser zu sich selbst, »wunderliche Frau, diese
Fürstin! Gern möchte sie andere, ja sich selbst überreden, dass der Kitt, womit
die Natur Seel' und Körper zusammenleimt, wenn es darauf ankommt, etwas
Fürstliches zu bilden, von ganz besonderer Art sei und keinesweges dem zu
vergleichen, den sie bei uns armen Erdensöhnen bürgerlicher Abkunft verbraucht.
- Man soll gar nicht daran denken, dass die Prinzessin ein Herz hat, so wie jener
höfische Spanier, der das Geschenk von seidenen Strümpfen, das gute
niederländische Bürger seiner Fürstin machen wollten, deshalb verschmähte, weil
es unschicklich sei, daran zu erinnern, dass eine spanische Königin wirklich Füße
habe wie andere ehrliche Leute! - Und doch: zu wetten ist es, dass in dem Herzen,
dem Laboratorio alles weiblichen Wehs, die Ursache des fürchterlichsten aller
Nervenübel zu suchen ist, das die Prinzessin befallen.« -
    Der Leibarzt dachte an Prinz Hektors schnelle Abreise, an der Prinzessin
übermäßige
