 Tische, wo ihm die Tochter mit ihren runden Armen, die gleichsam
mit weißen Haaren bestäubt waren, einen guten Hirsenbrei aufsetzte und eine
hölzerne Kanne mit Bier dabei hinstellte und ihn zum Essen nötigte, nachdem die
Mutter den Segen darüber gesprochen hatte.
 
                               Dritte Geschichte
                                   Der Becher
Das kleine Mahl war längst verzehrt und noch immer wurde von den
Merkwürdigkeiten des Reichstags und von den Festlichkeiten, welche die
Vermählung feiern sollten, gesprochen. Die Jungfrau Anna konnte ihre Vorliebe
für die ritterlichen Spiele, für das Gesellenstechen, das am andern Tage gegeben
werden sollte, nicht verbergen, obgleich sie nie etwas der Art gesehen und eben
so wenig von dem Wesen dieser Spiele gehört hatte. Da fühlte sich Bertold recht
im Mittelpunkte seiner Kenntnisse, Tage lang hatte er an einzelnen kunstreichen
Stücken, die von den Stechen erzählt wurden, spekuliert, sie zu zeichnen sich
bemüht, auch alle Gesetze und Gewohnheiten der Turniere mit seinem Freunde
Rüxner gemeinschaftlich gesammelt, sein Gedächtnis bewahrte ihm jedes berühmte
Turnier und die Namen derer, welche Preise gewonnen hatten. Er unterrichtete die
Frauen von dem hohen Altertume der Kampfspiele unter den Deutschen, die nicht
wie bei andern Völkern der alten Welt als ein müssiges Schauspiel für die größere
Menschenzahl, sondern als eine allgemeine Belustigung aller ritterlichen Männer
geachtet wurden, bei welcher nur Frauen als Zuschauer zu beachten waren. »Vor
allem war das Rennen mit Spiessen immerdar hochgeehrt«, sagte er, »und der große
Kaiser Heinrich der Vogler hat zuerst einen großen Reichsverein darin gestiftet,
den Adel gegen Verwilderung zu schützen und ihn dem übrigen Volke als Vorbild
aufzustellen. Wer gegen den christlichen Glauben Untreue erwiesen, gegen des
Reiches Beste gefrevelt, Frauen entehrt, die Ehe gebrochen hatte, wer meineidig
und siegelbrüchig erkannt, wer feldflüchtig erfunden aus Feigheit oder Verrat,
wer gemordet, wer Kirchen, Witwen oder Waisen beraubt hatte, wer Wein oder
Getreide gegen die Kriegsordnung zerstört, wer ohne Grund und Kriegsordnung
befehdet und Strassenräuberei getrieben hatte, sollte sein Pferd verlieren und
auf die Schranken des Turnierplatzes gesetzt werden. Diesen Gesetzen fügte
Meister Philipsen, des Kaisers Schreiber noch zweie hinzu, nämlich, dass auch die
ausgeschlossen wären, die sich mit der Kaufmannschaft abgegeben und die ihren
Adel nicht mit vier Ahnen beweisen könnten.« - »Bei uns hätten die Reichen dem
Meister Philip die beiden letzten Gesetze nicht zugegeben«, meinte Frau
Zähringer, »jetzt werden die reichen Fuggers höher geachtet, als tausend adlige
Heckenreiter, die hier außen in den Vorstädten den Juden ihre Beute verkaufen.«
- »Meine gute Frau«, sagte Bertold, »als jene Gesetze angenommen wurden, hatten
sie gewiss ihren Grund, der Adel durfte sich nicht in fremdartigen Geschäften
zerstreuen, der nahen Reichsfeinde gab's zu viele, auch musste
