 Freier denken können. - »Statt aller der kühnen Abenteurer ward mir ein
stiller Spinner und Weber zu Teil.« - »Ein Mann an der Spindel?« fragte der
Prior. - »Ich kann Euch nicht erklären, was mich zu ihm führte«, antwortete die
Frau, »mich bestimmte ewige Zuneigung, die nie erlöschen wird, meinen Vater
andre Gründe, kurz dieselben Kronenwächter, die ihn mir gaben, entrissen ihn
mir, als er sich von ihrer Tyrannei loszureißen und an den Kaiser anzuschließen
trachtete. Nicht Blödsinn oder Schwäche hatte ihn zu weiblichen Arbeiten
herabgewürdigt, er war ritterlich geübt in allen Waffen, sondern eingeborne Lust
und die vieljährige Einsamkeit im seltsamsten Winkel der Erde hatte ihn
veranlasst, bei solchen Beschäftigungen Geduld zu lernen. In kunstreich gewirkten
Teppichen hatte er eine besondere Meisterschaft erreicht, in einem derselben,
den mir der Vater brachte, entdeckte er mir seine Neigung. Seht, hier in diesem
Kasten bewahre ich seine besten Arbeiten als treue Begleiter, seht dieses
Geflecht seltsamer Pflanzen, das bis zu den Sternen reicht, Kinder sitzen in den
Blumenkelchen und blicken sehnlich empor. Unter dem Dach dieser Pflanzenwelt
sitzt er selbst einsam am Webstuhle, wo mit seltsamer Künstlichkeit sich alle
Wurzeln zu einem Aufzug seiner Arbeit hin vereinen, sein Schiff aber, welches
den Einschlag trägt, ist wie ein Herz gebildet. Der Sinn dieses Bildes umfasste
sein reines Dasein. Wie konnte er mit diesem Herzen, mit dieser freudigen
Anschauung der Welt die finsteren, drückenden Erwartungen seines Hauses ertragen
und durchführen! Gern hätte er im offenen Kampfe mit dessen Unterdrückern
gestritten, aber dieses katzenartige Lauern war ihm unmöglich.« - Apollonia
bewunderte die Herrlichkeit dieses Gewebes, der Prior wollte es durchaus nicht
glauben, dass so etwas gewebt werden könne, er meinte, es sei gemalt. - »Könntet
Ihr so etwas weben«, sagte er zu Bertold, »da wollte ich Euer Tuch auch kaufen
und Messgewänder daraus schneiden lassen.« - »Ich schäme mich unsres Ungeschicks
bei dem Anblick dieser Weberei!« sagte Bertold. - »Lasst Euch nicht irre machen,
junger Herr«, unterbrach ihn die edle Frau, »wenn Ihr mit Lust und Liebe etwas
unternommen habt; oft erzählte mir mein Mann, dass er wegen einiger Spottreden
der Kronenwächter einmal die Weberei aufgeben wollte und seine Not einem alten,
geistlichen Einsiedler klagte. Der schüttelte mit dem Kopfe und riet Ihm beim
werke zu bleiben, denn, sagte er, wir Menschen sind Nachtwandler mitten am Tage,
nur ein kleiner Kreis unsers Lebens ist zu unsrer Prüfung der freien Wahl
überlassen, öfter ist es unsre höchste Tugend, dem Gesetze und dem Triebe unsres
Herzens uns mutig zu überlassen, wo der Geist nicht widerspricht. - Kein
