
berühren weder unser Leben, noch unsere Zeit, wohl aber eine frühere, in der
sich mit unvorhergesehener Gewalt der spätere und jetzige Zustand geistiger
Bildung in Deutschland entwickelte. Das Bemühen, diese Zeit in aller Wahrheit
der Geschichte aus Quellen kennen zu lernen, entwickelte diese Dichtung, die
sich keineswegs für eine geschichtliche Wahrheit gibt, sondern für eine
geahndete Füllung der Lücken in der Geschichte, für ein Bild im Rahmen der
Geschichte. Die Karte von Schwaben, wie sie Homanns Erben im Jahre 1734
herausgaben, muss noch jetzt nach so vielen Veränderungen, wohlgefallen. Diese
sinnreichen Nürnberger haben alle Farben ihres weltberühmten Muschelkastens
benutzt, die Grenzen der vielen Staaten augenscheinlich zu machen, auf dass ein
jeder in dieser Farbenpracht den Bogen der Gnade erkennen möge, den Gott über
dieses herrliche Land gestellt hatte, als er es nach freier Entwickelung durch
Krieg und Friede mit der Kraft seines heiligen, deutschen Reichs für
Jahrhunderte schützte. Ein mächtiger Strom, die Donau, entspringt in Schwaben,
begrenzt den Erbfeind der Christenheit, den Türken. Ein anderer, der Rhein,
findet erst im Bodensee seinen rechten Boden, der ihn zur Größe erzieht, wofür
er die Grenze, von der er ungern scheidet, zu einer Inselwelt durchflicht. Der
Bodensee selbst ein sanftes Abbild des Meeres, bezeichnet neben den Höhen eine
reiche Tiefe des Landes. Wer nennt alle lieblichen Ströme, welche das Land
durchrauschen! Wer nennt alle Berge von Schlössern gekrönt, von denen die Ströme
entspringen, von denen die Heldengeschlechter herrschend zu den fernen Ebenen
niedergezogen sind! Ganz Schwaben ist dem Reisenden ein aufgeschlagenes
Geschichtbuch, hier war der früheste Mittelpunkt deutscher Geschichten und so
seltsam alles umfassend die Deutschen sich später schaffend und zerstörend
geregt haben, diese Vollendung in einem gewissen Sinne erreichten sie nicht
wieder und so reibt sich das Bild des Unterganges unmittelbar an den Glanz der
Hohenstaufen. Schöner ist das dauernde Steigen eines Landes, das in jeder
Einrichtung das ungestörte Erbe der Jahrhunderte aufweisen kann, aber menschlich
näher tritt uns als ein Bild des eignen Geschicks diese Berührung mit großen
Hoffnungen aus früheren Tagen in einem Volke, das bewahrtem und achtend gegen
seine Vorzeit in Urkunden, Erinnerungen und Gebräuchen jedem Dorfe seine
Denkwürdigkeit erhalten hat. Suchen wir auf unsrer Karte den Neckarfluss und
gehen wir mit Behagen an seinem Ufer von Reben umgrünt zum Einflusse der Rems
und da hinauf durchs reiche Wiesental nach Waiblingen, so befinden wir uns auf
dem Schauplatze unsrer Geschichte. Waiblingen versteckt sich jetzt, wie wir von
Reisenden hörten, ungeachtet es an einem Hügel hinangebaut ist, hinter
umgebenden Weinbergen. Ehemals ragte am Tore ein hoher Wachtturm hinaus, der mit
vier kleinen Türmchen und einem höheren in der Mitte, alle fünf mit Schiefer
wohlgedeckt, der Stadt schon aus der Ferne ein wehrhaftes Ansehen gab
