
        
                             Ludwig Achim von Arnim
                               Die Kronenwächter
                                   Erster Band
                       Bertolds erstes und zweites Leben
                                    Einleitung
                            Dichtung und Geschichte
Wieder ein Tag vorüber in der Einsamkeit der Dichtung! Die Glocke läutet
Feierabend, und die Pflüger ziehen heim mit dem Gespann, führen und tragen
behaglich die Kinder, die ihnen entgegen gegangen, und freuen sich ihrer Mühe in
der Ruhe. Der Pflug ruht nicht verlassen auf der letzten Erdscholle, die er über
stürzte, denn notwendig wie die Sonnenbahn scheint der Bedürftigkeit sein
Furchenzug und ein heilig strenges Gesetz bewacht ihn in der Nacht gegen Frevel.
Am Morgen setzt der Pflüger seinen Weg ohne Störung fort, misst nach der Länge
seiner Furchen den trüben Morgen, wie er die helle Mitte des Tages an seinem
eignen Schatten zu ermessen versteht, und teilt nach seinen Morgenwerken die
Erdfläche in festbegrenzte Morgen, wie er nach dem Tage werke der Sonne die
unendliche Zeit in Stunden teilt. Die Sonne und der Pflüger kennen einander und
tun beide vereint das Ihre zum Gedeihen der Erde. Fest fortschreitend, von allen
geschätzt und geschützt, sehen wir die Tätigkeit, die sich zur Erde wendet; sie
ist auch dauernd bezeichnet und gründet, so lange sie sich selbst treu bleibt,
mit unbewusster Weisheit das Rechte, das An gemessene, im Bau des Ackers, wie des
Hauses, in der Beugung des Weges, wie in der Benutzung des Flusses. Die
Zerstörung kommt von der Tätigkeit, die sich von der Erde ablenkt und sie noch
zu verstehen meint. Aber nach Jahrhunderten der Zerstörung erkennen die
einwandernden Anbauer des Walds mit Teilnahme die Unvergänglichkeit der
Ackerfurchen und Grund mauern untergegangener Dörfer und achten sie als ein
wiedergefundenes Eigentum ihres Geschlechts, das der Gaben dieser Erde nie genug
zu haben meint. Gleichgültig werden daneben die auf gefundenen Werke des Geistes
früherer Jahrhunderte als unverständlich und unbrauchbar aufgegeben, oder mit
sinnloser Verehrung angestaunt. Das Rechte will da errungen sein, und wie die
eine Zeit ihre geistigen Gaben über alles schätzt und zusammen hält, so meint
eine andere, alles schon selbst im Überflusse zu besitzen und lässt es zu, dass
die Sibylle ihre heiligen Bücher verbrennt, um ihr nicht Dank und Lohn geben zu
müssen. Wer misst die Arbeit des Geistes auf seinem unsichtbaren Felde? Wer
bewacht die Ruhe seiner Arbeit? Wer ehrt die Grenzen, die er gezogen? Wer
erkennt das Ursprüngliche seiner Anschauung? Wer kann den Tau des Paradieses von
dem ausgesprjetzten Gifte der Schlange unterscheiden? Kein Gesetz bewacht
Geisteswerke gegen Frevel, sie tragen kein dauerndes, äußeres Zeichen, müssen in
sich den Zweifel dulden, ob böse oder gute Geister den Samen ins offene Herz
streueten; ja die anmassende Frömmigkeit nennt oft böse, was aus der Fülle der
Liebe und Einsicht hervorgegangen ist. Der Arbeiter auf geistigem Felde fühlt am
Ende
