 Dessenungeachtet kannte er doch die ganze Literatur ziemlich
vollständig. Denn sein wunderliches Leben führte ihn von selbst und wider Willen
in Berührung mit allen ausgezeichneten Männern, und was er so bei Gelegenheit
kennenlernte, fasste er schnell und ganz auf.
    Sowohl er, als Friedrich besuchten fast alle Nachmittage den einsamen
Viktor, dessen kleines Wohnhaus, von einem noch kleineren Gärtchen umgeben, hart
am Kirchhofe lag. Dort unter den hohen Linden, die den schönberaseten Kirchhof
beschatteten, fanden sie den seltsamen Menschen vergraben in eine Werkstatt von
Meisseln, Bohrern, Drehscheiben und anderm unzähligen Handwerkszeuge, als wollte
er sich selber sein Grab bauen. Hier arbeitete und künstelte derselbe täglich,
soviel es ihm seine Berufsgeschäfte zuliessen, mit einem unbeschreiblichen Eifer
und Fleiße, ohne um die andere Welt draußen zu fragen. Ohne jemals eine
Anleitung genossen zu haben, verfertigte er Spieluhren, künstliche Schlösser,
neue, sonderbare Instrumente, und sein bei der Stille nach außen ewig unruhiger
und reger Geist verfiel dabei auf die seltsamsten Erfindungen, die oft alle in
Erstaunen setzten. Seine Lieblingsidee war, ein Luftschiff zu erfinden, mit dem
man dieses lose Element ebenso bezwingen könnte, wie das Wasser, und er wäre
beinahe ein Gelehrter geworden, so hartnäckig und unermüdlich verfolgte er
diesen Gedanken. Für Poesie hatte er, sonderbar genug, durchaus keinen Sinn, so
willig, ja neugierig er auch aufhorchte, wenn Leontin oder Friedrich darüber
sprachen. Nur Abraham von St. Klara, jener geniale Schalk, der mit einer
ernstaften Amtsmiene die Narren auslacht, denen er zu predigen vorgibt, war
seine einzige und liebste Unterhaltung, und niemand verstand wohl die Werke
dieses Schriftstellers so zu durchdringen und sich aus Herzensgrunde daran zu
ergötzen, als er. In diesem unförmlichen »Gemisch-Gemasch« von Spott, Witz und
Humor fand sein sehr nahe verwandter Geist den rechten Tummelplatz.
    Übrigens hatte sich Friedrich gleich anfangs in seinem Urteile über ihn
keineswegs geirrt. Seine Gemütsart war wirklich durchaus dunkel und
melancholisch. Die eine Hälfte seines Lebens hindurch war er bis zum Tode
betrübt, mürrisch und unbehülflich, die andere Hälfte lustig bis zur
Ausgelassenheit, witzig, sinnreich und geschickt, so dass die meisten, die sich
mit einer gewöhnlichen Betrachtung der menschlichen Natur begnügen, ihn für
einen zweifachen Menschen hielten. Es war aber eben die Tiefe seines Wesens, dass
er sich niemals zu dem ordentlichen, immer gleichförmigen Spiele der andern an
der Oberfläche bequemen konnte, und selbst seine Lustigkeit, wenn sie oft
plötzlich losbrach, war durchaus ironisch und fast schauerlich. dabei waren alle
Schmeichelkünste und alltäglichen Handgriffe, sich durch die Welt zu helfen,
seiner spröden Natur so zuwider, dass er selbst die unschuldigsten,
gebräuchlichsten Gunstbewerbungen, ja sogar unter Freunden alle äußern Zeichen
der Freundschaft verschmähte.
