 Leontin
meinte. Er eilte sogleich auf ihn los und fand ihn zwischen zwei alten Herren
mit Perücken und altfränkischen Gesichtern, mit denen sich niemand abgeben
mochte, mit denen er sich aber kindlich besprach und gut zu vertragen schien. Er
erzählte ihnen von seiner Gebirgsreise die wunderbarsten Geschichten vor, und
lachte herzlich mit den beiden guten Alten, wenn sie dabei ihn über offenbaren,
gar zu tollen Lügen ertappten. Er freute sich sehr, Friedrich noch heut zu sehen,
und sagte, wie es ihm eine gar wunderlich schauerliche Lust sei, so aus der
Grabesstille der verschneiten Felder mitten in die glänzendsten Stadtzirkel
hineinzureiten, und umgekehrt.
    Sie sprachen noch manches zusammen, als der Prinz hinzutrat und Friedrich in
ein Fenster führte. »Der Minister«, sagte er zu ihm, als sie allein waren, »hat
Sie mir sehr warm, ja ich kann wohl sagen, mit Leidenschaft empfohlen. Es ist
etwas Außerordentliches, denn er empfiehlt sonst keinen Menschen auf diese Art.«
Friedrich äußerte darüber seine große Verwunderung, da er von dem Minister
gerade das Gegenteil erwartete. »Der Minister«, fuhr der Prinz fort, »lässt sein
Urteil nicht fangen, und ich vertraue Ihnen daher. Unsere Zeit ist so gewaltig,
dass die Tugend nichts gilt ohne Stärke. Die wenigen Mutigen aus aller Welt
sollten sich daher treu zusammenhalten, als ein rechter Damm gegen das Böse. Es
wäre nicht schön, lieber Graf, wenn Sie sich von der gemeinen Not absonderten.«
»Gott behüte mich vor solcher Schande!« erwiderte Friedrich halb betroffen,
»mein Leben gehört Gott und meinem rechtmäßigen Herrn.« »Es ist groß, sich
selber, von aller Welt losgesagt, fromm und fleißig auszubilden«, sagte darauf
der Prinz begeistert, »aber es ist größer, alle Freuden, alle eigenen Wünsche
und Bestrebungen wegzuwerfen für das Recht, alles -« hier strich soeben die
Gräfin Romana an ihnen vorüber. Der Prinz ergriff ihre Hand und sagte: »So lange
von uns wegzubleiben!« - Sie zog langsam ihre Hand aus der seinigen und sah nur
Friedrich groß an, als sähe sie ihn wieder zum ersten Male. Der Prinz lachte
unerklärlich, drückte Friedrich flüchtig die Hand und wandte sich wieder in den
Saal zurück. Friedrich folgte der Gräfin mit ihren herausfordernden Augen. Sie
war schwarz angezogen und fast furchtbar schön anzusehen. Von der Nacht auf dem
Schloss erwähnte sie kein Wort.
    Leontin kam auf sie zu und erzählte ihr, wie er erst gestern bei ihrem
Schloss vorbeigezogen. »Es war schon Nacht«, sagte er, »ich war so frei, mit
Faber und einer Flasche echten Rheinweins, die wir bei uns hatten, das oberste
Dach des Schlosses zu besteigen
