 Wahl Sie, ehrwürdiger Herr, den ein
glücklicher Zufall in die Hauptstadt führte, traf. Sie können einer gebeugten
Familie die verlorne Ruhe wiedergeben, wenn Sie Ihre Bemühungen, die der Herr
segnen möge, auf einen doppelten Zweck richten. Erforschen Sie Hermogens
entsetzliches Geheimnis, seine Brust wird erleichtert sein, wenn er sich, sei es
auch in heiliger Beichte, entdeckt hat, und die Kirche wird ihn dem frohen Leben
in der Welt, der er angehört, wiedergeben, statt ihn in den Mauern zu begraben.
- Aber treten Sie auch der Baronesse näher. - Sie wissen alles - Sie stimmen mir
bei, dass meine Bemerkungen von der Art sind, dass, so wenig sich darauf eine
Anklage gegen die Baronesse bauen lässt, doch eine Täuschung, ein ungerechter
Verdacht kaum möglich ist. Ganz meiner Meinung werden Sie sein, wenn Sie
Euphemien sehen und kennen lernen. Euphemie ist religiös schon aus Temperament,
vielleicht gelingt es Ihrer besonderen Rednergabe, tief in ihr Herz zu dringen,
sie zu erschüttern und zu bessern, dass sie den Verrat am Freunde, der sie um die
ewige Seligkeit bringt, unterlässt. Noch muss ich sagen, ehrwürdiger Herr, dass es
mir in manchen Augenblicken scheint, als trage der Baron einen Gram in der
Seele, dessen Ursache er mir verschweigt, denn außer der Bekümmernis um Hermogen
kämpft er sichtlich mit einem Gedanken, der ihn beständig verfolgt. Es ist mir
in den Sinn gekommen, dass vielleicht ein böser Zufall noch deutlicher ihm die
Spur von dem verbrecherischen Umgange der Baronesse mit dem fluchwürdigen Grafen
zeigte als mir. - Auch meinen Herzensfreund, den Baron, empfehle ich,
ehrwürdiger Herr, Ihrer geistlichen Sorge.« -
    Mit diesen Worten schloss Reinhold seine Erzählung, die mich auf mannigfache
Weise gefoltert hatte, indem die seltsamsten Widersprüche in meinem Innern sich
durchkreuzten. Mein eigenes Ich, zum grausamen Spiel eines launenhaften Zufalls
geworden und in fremdartige Gestalten zerfliessend, schwamm ohne Halt wie in
einem Meer all der Ereignisse, die wie tobende Wellen auf mich hineinbrausten. -
Ich konnte mich selbst nicht wiederfinden! - Offenbar wurde Viktorin durch den
Zufall, der meine Hand, nicht meinen Willen leitete, in den Abgrund gestürzt! -
Ich trete an seine Stelle, aber Reinhold kennt den Pater Medardus, den Prediger
im Kapuzinerkloster in ..r-, und so bin ich ihm das wirklich, was ich bin! -
Aber das Verhältnis mit der Baronesse, welches Viktorin unterhält, kommt auf
mein Haupt, denn ich bin selbst Viktorin. Ich bin das, was ich scheine, und
scheine das nicht, was ich bin, mir selbst ein unerklärlich Rätsel, bin ich
entzweit mit meinem Ich!
    Des Sturms in meinem Innern unerachtet, gelang es
