
In dem Walde, der das Kloster zur heiligen Linde umschließt, trat ich zu der
bedrängten Mutter, als sie über dem neugebornen vaterlosen Knäblein weinte, und
erquickte sie mit Worten des Trostes. -
    Wunderbar geht die Gnade des Herrn auf dem Kinde, das geboren wird in dem
segensreichen Heiligtum der Gebenedeiten! Oftmals begibt es sich, dass das
Jesuskindlein sichtbarlich zu ihm tritt und früh in dem kindischen Gemüt den
Funken der Liebe entzündet. -
    Die Mutter hat in heiliger Taufe dem Knaben des Vaters Namen, Franz, geben
lassen! - Wirst du es denn sein, Franziskus, der, an heiliger Stätte geboren,
durch frommen Wandel den verbrecherischen Ahnherrn entsündigt und ihm Ruhe
schafft im Grabe? Fern von der Welt und ihren verführerischen Lockungen, soll
der Knabe sich ganz dem Himmlischen zuwenden. Er soll geistlich werden. So hat
es der heilige Mann, der wunderbaren Trost in meine Seele goss, der Mutter
verkündet, und es mag wohl die Prophezeiung der Gnade sein, die mich mit
wundervoller Klarheit erleuchtet, so dass ich in meinem Innern das lebendige Bild
der Zukunft zu erschauen vermeine.
    Ich sehe den Jüngling den Todeskampf streiten mit der finsteren Macht, die
auf ihn eindringt mit furchtbarer Waffe! - Er fällt, doch ein göttlich Weib
erhebt über sein Haupt die Siegeskrone! - Es ist die heilige Rosalia selbst, die
ihn errettet! - So oft es mir die ewige Macht des Himmels vergönnt, will ich dem
Knaben, dem Jünglinge, dem Manne nahe sein und ihn schützen, wie es die mir
verliehene Kraft vermag. - Er wird sein wie -
                           Anmerkung des Herausgebers
Hier wird, günstiger Leser, die halb erloschene Schrift des alten Malers so
undeutlich, dass weiter etwas zu entziffern ganz unmöglich ist. Wir kehren zu dem
Manuskript des merkwürdigen Kapuziners Medardus zurück.
 
                               Dritter Abschnitt
                          Die Rückkehr in das Kloster
Es war so weit gekommen, dass überall, wo ich mich in den Straßen von Rom blicken
ließ, einzelne aus dem Volk still standen und in gebeugter, demütiger Stellung
um meinen Segen baten. Mocht' es sein, dass meine strenge Bussübungen, die ich
fortsetzte, schon Aufsehen erregten, aber gewiss war es, dass meine fremdartige,
wunderliche Erscheinung den lebhaften phantastischen Römern bald zu einer
Legende werden musste, und dass sie mich vielleicht, ohne dass ich es ahnte, zu dem
Helden irgend eines frommen Märchens erhoben hatten. Oft weckten mich bange
Seufzer und das Gemurmel leiser Gebete aus tiefer Betrachtung, in die ich, auf
den Stufen des Altars liegend, versunken, und ich bemerkte dann, wie rings um
mich her Andächtige knieten und meine Fürbitte zu erflehen schienen. So wie in
jenem Kapuzinerkloster hörte ich hinter mir rufen: il Santo! - und schmerzhafte
