 Wahrheit seiner Reue kund
tue. Er soll den Geist ganz dem Himmlischen zuwenden und doch das Fleisch
peinigen, damit die irdische Marter jede teuflische Lust der Untaten aufwäge.
Doch glaube ich, und mir stimmen berühmte Kirchenlehrer bei, dass die
entsetzlichsten Qualen, die sich der Büssende zufügt, dem Gewicht seiner Sünden
auch nicht ein Quentlein entnehmen, sobald er darauf seine Zuversicht stützt und
der Gnade des Ewigen deshalb sich würdig dünkt. Keiner menschlichen Vernunft
erforschlich ist es, wie der Ewige unsere Taten misst, verloren ist der, der, ist
er auch von wirklichem Frevel rein, vermessen glaubt, den Himmel zu erstürmen
durch äußeres Frommtun, und der Büssende, welcher nach der Bussübung seinen Frevel
vertilgt glaubt, beweiset, dass seine innere Reue nicht wahrhaft ist. Du, lieber
Bruder Medardus, empfindest noch keine Tröstung, das beweiset die Wahrhaftigkeit
deiner Reue, unterlasse jetzt, ich will es, alle Geisselungen, nimm bessere
Speise zu dir und fliehe nicht mehr den Umgang der Brüder. - Wisse, dass dein
geheimnisvolles Leben mir in allen seinen wunderbarsten Verschlingungen besser
bekannt worden als dir selbst. - Ein Verhängnis, dem du nicht entrinnen
konntest, gab dem Satan Macht über dich, und indem du freveltest, warst du nur
sein Werkzeug. Wähne aber nicht, dass du deshalb weniger sündig vor den Augen des
Herrn erschienest, denn dir war die Kraft gegeben, im rüstigen Kampf den Satan
zu bezwingen. In wessen Menschen Herz stürmt nicht der Böse und widerstrebt dem
Guten; aber ohne diesen Kampf gäb' es keine Tugend, denn diese ist nur der Sieg
des guten Prinzips über das böse, sowie aus dem umgekehrten die Sünde
entspringt. - Wisse fürs erste, dass du dich eines Verbrechens anklagst, welches
du nur im Willen vollbrachtest. - Aurelie lebt, in wildem Wahnsinn verletztest
du dich selbst, das Blut deiner eigenen Wunde war es, was über deine Hand
floss... Aurelie lebt... ich weiß es.«
    Ich stürzte auf die Knie, ich hob meine Hände betend empor, tiefe Seufzer
entflohen der Brust, Tränen quollen aus den Augen! - »Wisse ferner,« fuhr der
Prior fort, »dass jener alte fremde Maler, von dem du in der Beichte gesprochen,
schon so lange, als ich denken kann, zuweilen unser Kloster besucht hat und
vielleicht bald wieder eintreffen wird. Er hat ein Buch mir in Verwahrung
gegeben, welches verschiedene Zeichnungen, vorzüglich aber eine Geschichte
enthält, der er jedesmal, wenn er bei uns einsprach, einige Zeilen zusetzte. -
Er hat mir nicht verboten, das Buch jemanden in die Hände zu geben, und um so
mehr will ich es dir anvertrauen, als dies meine heiligste Pflicht ist
