 behauptete, unser Kloster ein ganzes Jahr
hindurch damit geheizt werden könnte.« - »Es geziemt uns wohl eigentlich nicht,«
erwiderte der Bruder Cyrillus, »diese Dinge einer solchen Untersuchung zu
unterziehen, allein offenherzig gestanden, bin ich der Meinung, dass, der darüber
sprechenden Dokumente unerachtet, wohl wenige dieser Dinge das sein dürften,
wofür man sie ausgibt. Allein es scheint mir auch gar nicht darauf anzukommen.
Merke wohl auf, lieber Bruder Medardus, wie ich und unser Prior darüber denken,
und du wirst unsere Religion in neuer Glorie erblicken. Ist es nicht herrlich,
lieber Bruder Medardus, dass unsere Kirche danach trachtet, jene geheimnisvollen
Fäden zu erfassen, die das Sinnliche mit dem Übersinnlichen verknüpfen, ja
unseren zum irdischen Leben und Sein gediehenen Organism so anzuregen, dass sein
Ursprung aus dem höheren geistigen Prinzip, ja seine innige Verwandtschaft mit
dem wunderbaren Wesen, dessen Kraft wie ein glühender Hauch die ganze Natur
durchdringt, klar hervortritt und uns die Ahndung eines höheren Lebens, dessen
Keim wir in uns tragen, wie mit Seraphsfittichen umweht. - Was ist jenes
Stückchen Holz - jenes Knöchlein, jenes Läppchen - man sagt, aus dem Kreuz
Christi sei es gehauen, dem Körper - dem Gewande eines Heiligen entnommen; aber
den Gläubigen, der, ohne zu grübeln, sein ganzes Gemüt darauf richtet, erfüllt
bald jene überirdische Begeisterung, die ihm das Reich der Seligkeit erschliesst,
das er hienieden nur geahnt; und so wird der geistige Einfluss des Heiligen,
dessen auch nur angebliche Reliquie den Impuls gab, erweckt, und der Mensch
vermag Stärke und Kraft im Glauben von dem höheren Geiste zu empfangen, den er
im Innersten des Gemüts um Trost und Beistand anrief. Ja, diese in ihm erweckte
höhere geistige Kraft wird selbst Leiden des Körpers zu überwinden vermögen, und
daher kommt es, dass diese Reliquien jene Mirakel bewirken, die, da sie so oft
vor den Augen des versammelten Volks geschehen, wohl nicht geleugnet werden
können.« - Ich erinnerte mich augenblicklich gewisser Andeutungen des Priors,
die ganz mit den Worten des Bruders Cyrillus übereinstimmten, und betrachtete
nun die Reliquien, die mir sonst nur als religiöse Spielerei erschienen, mit
wahrer innerer Ehrfurcht und Andacht. Dem Bruder Cyrillus entging diese Wirkung
seiner Rede nicht, und er fuhr nun fort, mit größerem Eifer und mit recht zum
Gemüte sprechender Innigkeit mir die Sammlung Stück vor Stück zu erklären.
Endlich nahm er aus einem wohlverschlossenen Schranke ein Kistchen heraus und
sagte: »Hierinnen, lieber Bruder Medardus, ist die geheimnisvollste,
wunderbarste Reliquie enthalten, die unser Kloster besitzt. Solange ich im
Kloster bin, hat dieses Kistchen niemand in der Hand gehabt als der Prior und
ich; selbst die andern Brüder, viel
