 Gesichtern der Mönche wahrnimmt.
Unerachtet der strengen Ordensregel waren die Andachtsübungen dem Prior
Leonardus mehr Bedürfnis des dem Himmlischen zugewandten Geistes, als asketische
Busse für die der menschlichen Natur anklebende Sünde, und er wusste diesen Sinn
der Andacht so in den Brüdern zu entzünden, dass sich über alles, was sie tun
mussten, um der Regel zu genügen, eine Heiterkeit und Gemütlichkeit ergoss, die in
der Tat ein höheres Sein in der irdischen Beengteit erzeugte. - Selbst eine
gewisse schickliche Verbindung mit der Welt wusste der Prior Leonardus
herzustellen, die für die Brüder nicht anders als heilsam sein konnte.
Reichliche Spenden, die von allen Seiten dem allgemein hochgeachteten Kloster
dargebracht wurden, machten es möglich, an gewissen Tagen die Freunde und
Beschützer des Klosters in dem Refektorium zu bewirten. Dann wurde in der Mitte
des Speisesaals eine lange Tafel gedeckt, an deren oberem Ende der Prior
Leonardus bei den Gästen saß. Die Brüder blieben an der schmalen, der Wand
entlang stehenden Tafel und bedienten sich ihres einfachen Geschirres, der Regel
gemäß, während an der Gasttafel alles sauber und zierlich mit Porzellan und Glas
besetzt war. Der Koch des Klosters wusste vorzüglich auf eine leckere Art
Fastenspeisen zuzubereiten, die den Gästen gar wohl schmeckten. Die Gäste
sorgten für den Wein, und so waren die Mahle im Kapuzinerkloster ein
freundliches, gemütliches Zusammentreten des Profanen mit dem Geistlichen,
welches in wechselseitiger Rückwirkung für das Leben nicht ohne Nutzen sein
konnte. Denn indem die im weltlichen Treiben Befangenen hinaustraten und
eingingen in die Mauern, wo alles das ihrem Tun schnurstracks entgegengesetzte
Leben der Geistlichen verkündet, mussten sie, von manchem Funken, der in ihre
Seele fiel, aufgeregt, eingestehen, dass auch wohl auf andere Wege, als auf dem,
den sie eingeschlagen, Ruhe und Glück zu finden sei, ja, dass vielleicht der
Geist, je mehr er sich über das Irdische erhebe, dem Menschen schon hienieden
ein höheres Sein bereiten könne. Dagegen gewannen die Mönche an Lebensumsicht
und Weisheit, da die Kunde, welche sie von dem Tun und Treiben der bunten Welt
außerhalb ihrer Mauern erhielten, in ihnen Betrachtungen mancherlei Art
erweckte. Ohne dem Irdischen einen falschen Wert zu verleihen, mussten sie in der
verschiedenen, aus dem Innern bestimmten Lebensweise der Menschen die
Notwendigkeit einer solchen Strahlenbrechung des geistigen Prinzips, ohne welche
alles farb- und glanzlos geblieben wäre, anerkennen. Über alle hocherhaben
rücksichts der geistigen und wissenschaftlichen Ausbildung stand von jeher der
Prior Leonardus. Außerdem dass er allgemein für einen wackeren Gelehrten in der
Theologie galt, so, dass er mit Leichtigkeit und Tiefe die schwierigsten Materien
abzuhandeln wusste und sich die Professoren des Seminars oft bei ihm Rat und
Belehrung holten, war er auch mehr, als man es wohl einem Klostergeistlichen
zutrauen kann
