 gehen. Das einmal
Eingeleitete war nicht abzubrechen, das sah er wohl, seine Mission war hiermit
beendet, gleichwohl fand er sich andrer Seits eben dadurch um so unabhängiger
und zu ganz rücksichtslosem Verhalten berechtigt.
    Er betrieb demnach alles auf das sorgfältigste und schnellste, empfing und
expedirte Depeschen, beurlaubte sich in der Qualität eines Abgesandten, schickte
Kouriere ab, schützte Krankheit vor und etablirte sich von da an ganz eigentlich
zu Angriff und Verteidigung.
    Für alles andre, als seine eigensten Wünsche tot, ging er nirgend hin als
in die Messe, wo er Blansche zu finden hoffen durfte. Durch viele Tage erwartete
er sie indes Morgens und Nachmittags vergeblich. Er ward nicht müde zu gehen und
zu kommen. Liebe, Stolz, gekränktes Recht, alles hielt ihm sein Ziel unverrückt
vor die Augen, die Leidenschaft hatte ihre Blitze zurückgezogen, die Nacht
tiefen Geheimnisses lag über sein ernstes Gesicht und gab dem unbezwinglichen
Willen das Ansehen ruhiger Eintracht und festen Gleichmutes. In welchen Zustand
ihn indes der harte Kampf, die gescheiterte Erwartungen setzten, wie streitend
Gefühl gegen Gefühl anstrebte, was die Leidenschaft wollte und nicht wollte, das
werden folgende Zeilen an Philipp deutlich machen.
    »Wenn die stille Glut Ihrer Augen der Leitstern zu Ihrem Herzen war, so
haben Sie sie geliebt, Philipp, heiß, verzehrend, mit allem Schmerz und aller
Lust der durstenden Seele. Das ist der Fluch des Menschen, dass ihn Götterbilder
äffen, und den Himmel vor den trunkenen Blicken zaubern. Es ist alles Lüge hier!
alles! auch sie, zweifeln Sie nicht. Wie könnte es anders sein! das absichtlich
berechnete, auswendig gelernte Spiel fängt mit dem ersten Strahle des
Bewusstseins an. Tugend heißt es und Weisheit, Leib und Leben und jeden freien
Aufflug des Geistes in die enge Klammern nüchterner Sitte einzupressen, das sind
die Formeln, die man dem weichen Kinderhirn eindrückt, ein paar knöcherne
Phrasen die ganze Mitgift auf der weit auslaufenden Lebensreise. Unbesonnen
nennt man dies Volk, leichtsinnig und flatterhaft im Denken und Tun,
schnelleres Blut, heißt es, treibe sie flüchtig an dem Ernst des Lebens hin,
nicht Bosheit, nicht Sünde sei in ihnen, unbedacht wie unzuverlässig dürfe man
sie höchstens schelten. Hätten wir niemals einen Franzosen gesehen, wir könnten
uns unter dem beweglichen Bilde harmlosen Genuss und den spielenden Schaum
ungewisser Jugendlohe denken. Aber wie schlägt uns das welke, sich selbst
überlebende Gerippe in greiser Kindheit in die Augen! misstrauisch und lauernd
wie das Alter, auf fremder Unkosten erfahren, zu Hause auf der glatt getretenen
Bahn gewandt, in Maß und Takt selbst erfundener Konvenienz, verlocken uns die
gräulichen Kindergestalten und prunken mit Weisheit, wenn sie den armen Vorrat
ihres Herzens zu verschließen, und Vertrauen und Liebe und
