 sagte: Der Arzt besonders soll
bescheiden in der Beurteilung solcher Fälle sein, welche nicht in der
aufgedeckten Folgereihe wirkender Motive und Ursachen liegen, da seine
Wissenschaft, vielleicht mehr als jede andere, mit der geheimnisvollen,
unerforschten, Natur verkehrt. Er darf so wenig einzelne Anklänge zu
ausgesprochenen Worten umbilden, als sie überhören wollen. Er soll stets mit
stillem, tief in das Innere zurückgehenden Sinn beobachten, aber weder die
Sucht, etwas Außerordentliches aufgefunden zu haben, noch der kleinliche Kitzel,
Entdeckungen Anderer verspotten zu wollen, darf ihn auf Nebenwege verlocken. Die
heilige Ehrfurcht gegen das Wesen der Dinge erlaubt kein allzudreistes
Hervortreten, und deshalb ist dem Arzt besonnenes Schweigen unerlässliche
Pflicht.
    Hiermit schwieg er wirklich, und niemand gewann sogleich den Mut zu
erneueter Frage. Die Baronin allein, ob er gleich ihre eigenste Meinung ganz
unleugbar aussprach, wollte es dennoch hierbei nicht bewenden lassen. Es schien
ihr zuviel laut geworden zu sein, um es so unberührt bei Seite zu legen. Sie
selbst hatte gestern in der Überraschung manches über Antoniens wunderbares
Wesen, die inneren Offenbarungen, welche sie früherhin schmerzhaft durchzuckten,
und alle in ihr erspäheten Eigentümlichkeiten, fallen lassen, sie wollte jenen
Äußerungen das Abenteuerliche benehmen, indem sie dem Arzt zwang,
umständlicher auf das Vorliegende einzugehn. Deshalb sagte sie: wie sehr Sie im
Allgemeinen recht haben, empfindet niemand deutlicher als ich. Doch tut es im
Einzelnen öfters Not, dass des Erfahrenen Urteil schwankende Vorstellungen
berichtige, da Irrtümer und Abwege ja allein daraus entstehn, dass wir auf
keinem sichern Grunde Fuß gefasst, und nur auf flüchtigen Erdschollen unsere
systematische Gebäude aufgetürmt haben. Sie fuhr jetzt fort, manches kluge Wort
über Antonien zu reden, und alles zur Sprache zu bringen, was sie selbst über
diese wusste.
    Es ist unleugbar, erwiderte der Arzt, nach einigem Besinnen, und wir dürfen
es wohl mit Zuversicht behaupten, dass, wie in allem organischen Leben
Wechselbeziehungen statt finden, diese sich auch unter den Menschen, sowohl
gegenseitig, als der bewusstlosen Natur gegenüber, offenbaren. Was hier nun
jedesmal das Vermittelnde ist, ob ein Äußeres, oder ein Inneres, ob beides
zugleich? der sinnvolle, denkende Beobachter wird es prüfen, ohne gleichwohl
seinen Mutmaßungen den Stempel der Unfehlbarkeit aufzudrücken. Vieles, das
sehen wir wohl, soll dem Einzelnen dunkel bleiben, was über seinen Zeitmoment
hinaus liegt. Die ganze Menschheit reift immer erst langsam in eine große Idee
hinein, und diese entwickelt sich während dem durch das Leben selbst aus ihrer
Wurzel rein heraus. Die Natur macht uns den Umgang mit ihr nicht allezeit
leicht. Sie verkündet sich dem Einen heut, und scheint sich dem Andern Morgen zu
widersprechen. Sie wirft uns große Phänomene wie Rätsel in den Weg
