. Doch
scheint die, einmal in ihren Grundfesten anders gebildete Organisation, stets
einen eigentümlichen Gang zu gehen! Antonie fällt zu Zeiten, am Tage, in jenen
dem Nachtwandel ähnlichen Zustand; welchen noch kein Arzt recht verstand, ihn
entweder zu hoch, außer der Sphäre medicinischer Erkenntnis, oder zu tief, in
die Klasse gemeiner Verstellungskunst, hinabsetzend. Wie wenig letzteres nun
hier der Fall ist, bewies schon sehr frühe ein Vorfall, der mir stets
unvergesslich bleiben wird. Eine junge Novize sollte ihr Gelübde ablegen. Der Tag
war festgesetzt. Die Heiligkeit, wie der äußere Schein der Feier, zog Fromme und
Neugierige herbei, ganz ungewohntes Leben regte sich um die Kinder, deren Gemüt
durch Hin- und Wieder-Reden, Vorkehrungen und Erwarten aufs höchste gespannt
war. Endlich schlug die Stunde. Der Zug brach auf nach der Kapelle, die, voll
gepfropft von Menschen, der scheidenden Himmelsbraut noch ein letztesmal das
Bild der bunten Welt vor die Sinne führte. Diese schwankte in sichtlicher
Bewegung zu den Stufen des Altars. Ein drückender Dunst zitterte durch das
Gebäude und schien mit den reinen Klängen der Orgel und den hallenden
Menschenstimmen zu ringen. Ich weiß selbst nicht, wie mir so bange und beklommen
ward, noch weniger, wie es kam, dass Antonie, von der Hand ihrer Aufseherin
losgemacht, zu mir hintrat. Sie sah mit scharfem Blick auf die Novize, und als
diese niederkniete und sich anschickte, ihr Gelübbde abzulegen, die Musik
schwieg, und kein Atemzug aus der dichten Volksmenge gehört ward, schlang
Antonie beide Arme über die Brust, und sank wie tot zu meinen Füßen. Ich hob
sie erschrocken auf, richtete ihr den Kopf in die Höhe, sie hatte beide Augen
geschlossen und vollkommen das Ansehen einer Schlafenden. Wie ist Dir Kind?
fragte ich leise, den Andern kaum hörbar, aber sie sagte, langsam und sehr
deutlich, mit einer Stimme, die aus keiner Menschenbrust, nicht über
Menschenlippen zu kommen schien, tief wie aus dem hohlen Innern einer Maschine:
heißt ihr, das Bildnis wegwerfen, das sie an goldner Kette im Busen trägt, es
drückt mir das Herz entzwei! Ich neigte meinen Mund, so verwirrende Worte
abwehrend, auf den ihrigen, aber sie rief fast schreiend: heißt ihr das Bild
wegwerfen, es ist eines Mannes Bild, ich ertrage den Schmerz nicht länger!
Dumpfes Murmeln rollte durch die Versammlung, plötzlich wiederholten viele
Stimmen Antoniens Gebot. Der unruhige Strom wogte immer näher und näher heran,
ich wollte die Angeklagte retten, und drängte mich zu ihr hin, sie flüchtete
scheu an meine Brust, aber, als habe sie Gottes Blick getroffen, so riss der
Himmel die Wahrheit an das Licht, bei der raschen
